DIE VÖLLIGE ANGST (FREIHEIT)

Freiheit ist ein viel benutztes, womöglich nicht selten völlig willkürlich eingesetztes Wort. Meine größte Freiheit zum Beispiel, ist die, lange auszuschlafen. Um morgens rumhängen zu können, langsam in den Tag starten zu dürfen, verzichte ich auch gerne auf Geld. Oder irgendwelche Treffen, die mir Ruhm und noch mehr Reichtum versprechen. Lass mich schlafen. Und nicht nur am Wochenende.

„Hauptsache, ich habe meine Ruhe, weißt du, ich will frei sein“, sagen verschiedenste Typen von Mensch. Die, die Tag für Tag acht Stunden arbeiten, Wochenende frei haben, paar Wochen Urlaub im Jahr genießen dürfen, sprich den klassischen Alltag leben. Oder solche, die von Projekt zu Projekt hangeln, nicht täglich acht Stunden absitzen. Also FREIschaffend sind. Oder letztlich der Obdachlose, der meinte, dass er sich dieses Jahr zu Weihnachten freinehmen würde, auch wenn das Geschäft zur besagten Zeit am meisten boomt, aber nein. Dafür ist ihm seine Freiheit zu wichtig. Das Empfinden von Freiheit ist subjektiv. Die Freiheit des einen ist der Knast des anderen. „Geld ist nicht alles, jeder lebt seine Freiheit. Auch derjenige, für den Geld alles ist. Wer ist freier? Wer hat am wenigsten Angst? Ich behaupte jetzt ganz unwissenschaftlich und ohne klaren Beleg, dass du dann frei bist, wenn du, so weit wie möglich, unabhängig von Außendruck und den dadurch provozierten innerlichen Druck bist. Gelebte Großzügigkeit.

Als die Flüchtlingsdebatte so richtig am Brennen war, fiel auf, dass nicht selten die Menschen am meisten Angst vor „denen da draußen“ hatten, die selbst einen Migrationshintergrund hatten. Von irgendwo also weggingen, um woanders mehr vom Kuchen haben zu dürfen. Sie hatten Angst, dass ihnen etwas weggenommen wird, für das sie ihr Leben lang gekämpft haben. Einen Kampf, den sie andere ungern führen sehen wollen. Sie wurden paranoid vor lauter Sorge, dass „die Neuen, die auch was vom Kuchen haben wollen“ zu viel vom Kuchen für sich beanspruchen wollen. Die Angst, dass es nicht mehr so komfortabel weitergehen wird, wie er oder sie es gewohnt war, nachdem sie oder er den Kampf gewonnen haben. Das macht Mensch unfrei und schlussendlich dumm und gewalttätig. Oder warum fürchten sich alle vor Greta? Sie fordert ein Bewusstsein dafür, dass der Kuchen endlich ist. Die Reaktion der Ängstlichen, um ihre Freiheit sorgenden, könnte ein Zitat aus dem Lied G€LD von Seeed sein: „Wenn einer das Money gerechter verteilt kriegt der auf die Fresse, das Money ist meins.“ Besitz wird als Freiheit empfunden. Wer viel hat, ist frei, das zu tun, was sie will. Oder er. Ist das so?

Zuerst veröffentlicht am 29. Oktober 2019, Journal