VORSICHT, VORSICHT!

Es war vor drei Tagen. Nähe des Hauptbahnhofes in Luxemburg. Das Auto geparkt, Kippe raus, halte sie eine Weile in meiner linken Hand. Ich suche nach meinem Feuerzeug. Ein sehr dunkel gekleideter Mann, also genau so gekleidet wie ich, kommt schnellen Schrittes auf mich zu. „Oh äh ah, was will…“, denke ich. Er spricht mit mir. „Ouah feuinh“, höre ich. Ich glaube, das ist Französisch. Eine Sprache, die mir nicht leicht fällt. „Will er mich überfallen?“, denke ich. „Will er mich zusammenschlagen?“, denke ich. „Jetzt machen sie es wahr, diese gehässigen luxemburgischen Literaturkritiker. Sie haben einen Schläger organisiert, um die Scheiß-Literatur aus mir herauszuprügeln. Hoffentlich finden meine Freunde, Freundin oder die Polizei die eine Schublade mit meinen zahllosen (es sind wirklich viele) unveröffentlichten Manuskripten, die dann post mortem veröffentlicht werden. Und dann werde ich ein gefeierter toter Schriftsteller, wenn sie denn gefunden werden…“, denke ich. „Du feu?“, der andere dunkel gekleidete Mann, oh Französisch, wirklich, „ah oui, j’ai, oui, quelque part, je cherche, un moment, mon pantalon, je trouve pas euhhh (weil ,euhhh‘ klingt sehr Französisch, das habe ich in Paris gelernt)“, versuche ich die Worte dieser unmöglich souverän zu meisternden Sprache zu finden. „Mais non, j’ai du feu, regardez“, sagt er, und da fällt mir auf, dass ich in der ganzen Aufregung, was der dunkel gekleidete Mann wohl alles mit mir anstellen wird, nicht mitbekommen habe, dass er mir Feuer anbieten wollte und realisierte sie dann schlussendlich, die Flamme, die aus dem Feuerzeug schoss. Sie brannte lichterloh. Der potenziell von den gehässigen Literaturkritikern engagierte Schläger wollte mir tatsächlich nur Feuer anbieten. Ich hebe die Zigarette Richtung Flamme, hau mir selbst meine Hand gegen die Nase, treffe die Flamme kaum, ziehe, hab‘ aber keine Puste mehr, vor Aufregung, was alles hätte passieren können. Noch einmal davon gekommen.

„Achte dich vor Männern, die alleine sind und auf dich zukommen“, so hieß es früher immer, dass die Bonbons dabei haben, Betäubungsmittel oder was auch immer, und dass es dann ganz schnell gehen kann. Dass aber auch Männer, ja, Frauen natürlich auch, die einfach nur nett sein wollen, auf dich zukommen, weil sie dir Feuer anbieten möchten, eine Frage haben oder dir, ja, ein Bonbon anbieten wollen, ganz ohne böse Absicht, das gibt es auch. Diese „vorsichtshalber erst mal Skepsis walten lassen“, die ist tief in uns drin. Dabei will ja nicht jeder Mensch, der uns unbekannt ist, uns gleich schaden. So merke Dir: Auch Vorsicht ist mit Vorsicht zu genießen. And now, clap your hands.

Zuerst veröffentlicht im Journal, 26.11.19