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Es ist nämlich auch nicht einfach für mich oder sonst wen, der sich durch die Stories der „Ich teile meine Spotify-Hörgewohnheiten“-Leuten zappt. Was da alles so trendet, was du alles erfährst, was angebliche Freunde oder bessere Bekannte hören: Wie? Du hörst Ariana Grande? Du bist männlich, 35 und hörst Ariana Grande? Laut im Auto mit heruntergelassenen Fenstern? Und du wunderst dich wirklich, keine Freundin über 18 zu finden?

Und was? Du hörst immer noch die gleiche Mucke wie früher, als wir 16 waren, wir auf der großen Wiese im Stadtzentrum gekifft haben? Ernsthaft? Immer noch „Fuck the System“, aber letztes Mal, als ich bei dir Zuhause war, als du und deine Frau mich eingeladen habt, wolltet ihr mit mir zusammen Sushi machen? Und ihr hattet nicht einfach Gin und Tonic, sondern so ein kofferähnliches aufklappbares Ding, wo alles, was man für den perfekten Gin braucht, drin war. Ganz selbstverständlich, so als wäre es ok, so ein Köfferchen zu haben. Warum nicht einfach Eis, Gin, Tonic, trinken und reden und fertig? Ja, ihr genießt so gerne, ihr sauft nicht mehr, ich weiß… „Ein Gin To ist nicht einfach nur ein Gin To, zwischen Gin To und Gin To (ja, du hast Gin To gesagt. Als wäre das Getränk dein bester Freund. Als würdet ihr euch nur noch beim Spitznamen nennen) können Welten liegen“, zelebriertest du dein scheiß Köfferchen Limited Edition. „I want to take you through a wasteland, I like to call my home“, höre ich Billie Joe mir ins Ohr flüstern. Klar, du darfst gerne Green Day, Alkaline Trio und Blink182 hören. Bis du tot umfällst, aber dann hol dir dein Essen auch, wie früher, vom nächstgelegenen Fast-Food-Restaurant und ich bringe eine Flasche Billo-Schnaps mit, und dann besaufen wir uns, und der Abend ist gelungen.

Nein, ernsthaft. Ich will deinen Musikgeschmack nicht kennen, ich will die Lüge leben oder die Wahrheit verleugnen, schön mit dir weiter Sushi und Gin Tonic mit so komischem Zeug drin trinken und dir dabei zuhören, wie du von deiner steilen Karriere sprichst, währenddessen dein Schatz, wie du sie gerne nennst, zu jedem Wort, das aus deinem karriereaufstrebenden Mund heraus fällt, wohlwollend nickt. 

Ich will davon ausgehen, dass du genau das hörst, was du lebst. Michael Bublé, dazu irgendwas mit einem Musical, das du letztens in Stuttgart gesehen hast und vielleicht, wenn es mal richtig wild wird, dieses eine Lied von AC/DC und anschließend irgendwas mit „voll krass“ sagst. 

Ich will mich darauf verlassen können, dass wir weiter unsere Vorurteile leben können. Und das geht eben nicht, wenn Ihr alle offen legt, was für Musik Ihr hört. Ebenfalls dachte ich oft, „oh ja Luc, da hörst du voll die krasse, unbekannte Musik und davon erzählst du niemandem, damit der Künstler auch weiter voll unbekannt bleibt, er DEIN Künstler bleibt und weiter nebenbei arbeiten muss, um von seiner Kunst leben zu können“ und zack, was ist passiert? Die geteilte Playlist des Indie-Lehrers aus dem Süden Luxemburgs kennt den Künstler auch schon. Und schon fühlte ich mich gar nicht mehr so cool und das geht schlichtweg nicht. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

Zuletzt veröffentlicht am 17. Dezember 2019, Lëtzebuerger Journal