SCHLUSS MACHEN 1/2

Die letzten gewaltigen Worte sind schlussendlich auch nur Worte. Sie wirken groß, gut überlegt, aber das Resultat bleibt das gleiche: Es ist vorbei „Ich gehe jetzt, keine Ahnung wohin.“ Vielleicht weißt du nicht einmal warum. Man könnte anfangen, einen Schuldigen ausfindig zu machen. „Du warst zu frech, ich halte das nicht mehr aus“ oder „Du machst meine Freunde immer klein“ oder „Du gibst einen Scheißdreck auf die Meinung der anderen“ oder „Du kostest zu viel Geld“. Die ewige Suche nach der Schuld, einem Sündenbock. Die Zeiten sind oder müssten vorbei sein. Was, wenn der Schuldige gefunden wird? Was würde es ändern? Was bringt es dem Opfer, wenn sein Mörder auf dem elektrischen Stuhl brät?

„Du hättest wenigstens noch mit mir reden können, nicht nur eine blöde Nachricht schreiben. Und das nach der ganzen Zeit?“, bleibt meine Frage unbeantwortet. Ich würde der anderen Partei auch lautstark ins Telefon heulen, aber sie hat auf „Nicht stören“ gestellt. Ich gebe auf. Es geht nicht mehr.

Wir leben heute in leistungsorientierten Zeiten. Das macht Spaß, schnell eine ausgelutschte Wahrheit in meinen Schluss(mach)text einzubauen. Ihr wisst ja, ich spare nur ungerne mit Floskeln und Klischees. Dafür verschone ich euch mit adaptierten Märchen oder Thesen darüber, warum der arme luxemburgische Künstler es so schwer hat. Was ich sagen will: Viel Platz für Mut zur Hässlichkeit oder ein kleines Scheitern zwischendurch ist schlichtweg nicht mehr drin.

Mach die Bude voll oder du bist raus. Es (du, ich, der Computer, die Schüler, der Gymnasiast,…) muss funktionieren, und wenn es nicht funktioniert, funktioniert es nicht, weil es hat nicht funktioniert. Auf die Gründe dafür können wir leider nicht eingehen, keine Zeit. Stellt euch einfach mal vor, ich würde jetzt gehen. Die paar Sachen zusammenräumen und dort, wo meine Worte, Woche für Woche in deutlichem Schwarz, zu lesen waren, findet Ihr nun eine DPA-Irgendwas-In-Köln-Ist-Eröffnet-Worden-Nachricht vor oder ein Bild der Woche. Fotos werden ja inzwischen viele geschossen. Oder noch schlimmer: eine Kolumne von Joe Thein. Würde es euch stören? Vielleicht. Vielleicht nicht. Nicht, wenn du Joe bist, Fernand, Roy oder so.

Stell Dir vor, einige würden traurig sein, nur kurz. „Hört auf zu weinen!“, würde ich euch beschämt anschreien. Das Leben geht doch weiter. Wenn nicht Deins, dann halt das eines anderen. Im Kreis wird es sich drehen. Geld scheffeln. Silvester planen, das Kind von der Schule abholen, zum HNO, zur Arbeit, wöchentlich eine Kolumne schreiben, die DNA des Alltags… Alles hat seine Zeit, seinen Ort, seinen Moment.

„All I want for Christmas is you“, singt Christina, Mariah, Britney oder Kim, wie die halt so heißen, und ich denke, dass ich Weihnach- ten doch überhaupt nicht mag, und wenn Du MICH für Weihnachten willst, was willst Du die anderen Tage?

Zuerst veröffentlicht am 24. Dezember 2019, Lëtzebuerger Journal