DER STURM GEHÖRT MIR

Mir egal, wie er heißt. Sabine, Thomas, Tommy oder Jan. Hauptsache nicht Kevin oder Paris. Du, gestern noch. Es ist gar nicht so lange her, würde ich schreiben, wäre es ein Märchen. Ich stand am offenen Fenster. Oberkörper nackt. Mit Zigarette in der rechten Hand, zwischen Zeige – und Mittelfinger, zwischen moralischer Instanz und Anarchie. Irgendwo zwischen Singapur und Fickt-Euch-Allee. Ich beobachtete, wie das alltägliche Leben an mir vorbeizog, die Tramfahrerin, die Fußballfans einsteigen lässt, die Menschen einen Moment auf Instagram festhalten, den sie nicht erlebt haben, womöglich nie erleben werden, der Espresso-Becher in den Müll geschmissen wird, eine Schauspielerin nicht ganz glücklich über den Umstand ist, dass sie auf offener Straße nicht angesprochen, wenn sie erkannt wird. Kein Selfie, kein Autogramm, kein voll geil der Tatort gestern. Nur nichts, Schweigen, Regen von oben, ein Hund, der vor ihr auf den Gehweg scheißt. Als wären Stars nichts mehr wert oder im Dschungel. It’s funny, because it’s true.

Ich verurteile nicht, ich versuche es, sie von mir abzustreifen, diese Grundhaltung, dass es eh egal ist. Dass alle Idioten sind und ich der allergrößte. Digital oder analog. Ich will endlich wieder fühlen. Spüren, wie es wehtut, wenn du mich beleidigst. Wenn du einen weiteren Tod stirbst. Wenn es heute wieder viel zu früh dunkel wird. Der Traum irgendwo zu leben, wo es warm ist, zum internen Kalauer mutiert. Oberkörper lässt Luft rein. Der Sturm gehört mir. Es pfeift, es quietscht, es kracht, aber bricht am Ende doch nicht zusammen.

Ich bin stärker, als ich annahm. Schwächer, als ich mir je eingestehen würde. Ich bin Verzweiflung und Sturm zugleich. Ich weiß jetzt, was es heißt, ich zu sein. Dass ich nicht du sein kann. Eine Erklärung, die richtigen Worte, habe ich natürlich nicht. Und es heißt nicht, dass ich mit dem Scheißkerl im Reinen bin, heißt nicht, dass morgen alles besser wird, heißt ebenso nicht, dass ich jetzt ich bin, sondern nur, dass ich weiß, wer ich ist. Oft lachen wir zusammen. Oft lacht er mich aus. Meistens, wenn ich am dünnhäutigsten bin und die Tränen plötzlich hochschießen. Ich verliere ihn oft. Dann bin ich wieder ganz Kind, als hätte ich meine Eltern, im Supermarkt, aus den Augen verloren. Dann stehe ich da. Zwischen Bio-Gurken und fucking Sesam-Riegeln. Wenn wir uns dann wiederfinden, schauen wir zusammen Mr. Robot und freuen uns, wenn einer von beiden einen langsamen, hässlichen Tod sterben muss. Zum Schluss darf der Gewinner laut lachen. Der Sturm gehört mir.