Tag5+6+7_ALSO EY WIRKLICH WIE LANGE JETZT NOCH?

Was gibt es Neues? Wie viele Tote? Wie viele Gesunde? Wie viele Neuinfizierte? Wenn ich huste, habe ich dann oder nur? Oder soll ich? Was tue ich, wenn? Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich jemanden anrufe, um mich heimlich im Wald zu treffen? Seit wann treffen sich Leute eigentlich wieder heimlich im Wald? Hätten wir die Natur früher so lieb gehabt, gäbe es diesen Virus überhaupt? Wann gibt es endlich ein Impfmittel? Wo sind jetzt eigentlich die radikalen Impfgegner? Beziehungsweise gibt es schon Gegnerinnen der Covid-19-Impfung, bevor sie überhaupt fertig entwickelt ist? Quasi, ja, präventiv.

Du sollst nicht ständig das Internet nach neuen Informationen absuchen. Ich weiß, du tust es trotzdem. Ich ja auch, mit Fokus auf: Wie lange noch? Und das nach knapp einer Woche. Noch nicht einmal so lange. Ähnliche Situation als Kind, wenn du nach einer Stunde Autofahrt deine Eltern gefragt hast, ob wir bald da sind. Ich habe Hunger. Ich muss Pipi. Mir ist langweilig. Oder in Zeiten der Ausgangssperre: Ich will meine Freundinnen und Freunde umarmen. Ich will draußen Espresso trinken und dabei Zeitung lesen, … was ich wirklich nie mache, aber jetzt will ich das so unbedingt. Life is a series of Adjustments, postet meine Lieblingskünstlerin Miley Cyrus. Ich like den Post nicht, weil sie nie zurück liket. Aber sie hat natürlich immer recht, besonders im hautengen Hauch von nichts.

20.03.20_Tag5_Frühlingsanfang. Die Sonne schien, ich war joggen, stand nackt auf der Dachterrasse rum (sorry, liebe Nachbarn, meine Art von Social Distancing), trank dabei Espresso, rauchte gegen Covid-19 an … Fast wie im Urlaub. Wie in so einem teuren Wellness-Hotel für 300 Euro die Nacht, wo man auch nicht raus will, weil jede Minute draußen, die sauteuren Wellness-Hotel-Preise nicht rechtfertigen würde. Folgerichtig wird jede schweineteure Minute drinnen verbracht. In der Sauna, im Schwimmbad, auf der Massageliege, beim Buffet, auf einer extra für den Rücken zugeschnittene Wasserbettmatratze, unter dem Infrarotlicht. Damit es sich richtig lohnt. Nur eben ohne Sauna und Schwimmbad und zahlreiche andere Annehmlichkeiten. Einfach nur Sonne und der oder das Virus irgendwo weiter weg. Unsichtbar, aggressiv, tödlich im schlimmsten Fall.

21.03.20_Tag6_Grauer Himmel, Windstöße, kein Orkan, aber eine Frage: Würde ein Orkan diese Corona-Dinger aus der Welt fegen oder uns alle zusammen, sozusagen mit einem Stößchen (wie diese ekligen Afterwork-Menschen schreien, wenn sie Feierabend haben), infizieren? Stöööööööößchen! Je ne sais pas. Was würde Christian Drosten dazu sagen? Wahrscheinlich würde er mich kurz anschauen, freundlich bleiben und einfach Nein sagen. Und einen so lange weiter anstarren, unbeeindruckt, gut aussehend, bis ich die nächste viel schlauere Frage stellen würde. Ich verliere ständig den Faden in diesem Text, verzeih, bin aufgewühlt, wie du, wir alle, die Welt aus den Fugen, die Dramaturgie eskaliert, nichts ist planbar, wie wir derzeitig arbeitslosen Künstler auch gerne sagen. Und natürlich ist kein Mensch eklig, wie ich ein paar Zeilen weiter oben behaupte, nur etwas sonderbar. Das müsst ihr schon zugeben, wenn ihr euch angesprochen fühlt. Okay? Balkonien. Stößchen. Sorry, alles hat seine Grenzen, nur der/das Virus nicht. Okay, weiter. Wie lange noch? Ich habe also so ziemlich jedes Interview mit jedem Virologen auf dieser Welt gelesen, nur die Ernst zu nehmenden, nicht die Spacken der Kategorie Ist nur Grippe, Digga! Viele Alte werden sterben, paar Junge, scheiß drauf!. Die nicht. Nein. Leider gibt niemand der Experten eine wirklich zufriedenstellende Antwort auf die Frage Wie lange noch?. Auf jeden Fall drei Monate. Ziemlich sicher ein Jahr. Wahrscheinlich zwei. Natürlich können wir nicht drei Monate mit absoluter Ausgangssperre weiterleben, oder etwa doch? It’s complicated. Wir wissen es nicht. Sie vermuten nur. Wir sitzen alle im Boot der Unwissenden, manche mit etwas mehr Wissen, aber die allermeisten ganz ohne. Was noch? Das Wetter. Okay, grau, Wind und was ist da vorne bei mir im Kopf los? Stirn, links, rechts, … Ein Druck? Symptome? Gesunde Paranoia? Ich rufe meine Freundinnen und Freunde an, ihr auch? Ja, wir auch. Haben wir jetzt alle Covid-19? Waren wir nicht einmal alle Papst, jetzt nur noch ein Virus? Alter Schwede, wie die Deutschen sagen.

22.03.20_Tag7_Aufgewacht, Handy gecheckt. Verpasster Anruf von M. aus Zagreb, früh morgens. Ruf ich später zurück, bin ja nicht einmal wirklich wach. Nachrichten gecheckt, scheiße! Kein Orkan, dafür ein Erdbeben. Schnell zurückrufen, alles okay, sie und Freundin sind wohlauf. Gut, beruhigt. Was geht mit der Welt? Waren wir Menschen so scheiße zu ihr? Christian Drosten blickt zu mir rüber, ja. Greta schau ich gar nicht erst an. Wenn ein Erdbeben vorbei ist, soll man immer schnell raus, weg von Gebäuden, weg von Dingen, die auf einen drauf fallen können. Aber in Zeiten von Covid-19 ist ja nicht einmal das erlaubt. Alle raus, zwei Meter Abstand, nicht husten, sich in acht nehmen vor Dingen, die von oben kommen. Was für ein Kopffick. Wie hoch ist das Risiko, dass die Erde sich demnächst in zwei Hälften teilen wird und uns verschlucken wird? Was meinen Sie, Herr Drosten? Na ja, es gibt keine eindeutigen Ergebnisse zu dem Thema, aber … Und du, mein kleiner Zeuge Jehova? Was sagst du dazu? Nein, sorry, blöde Frage.

Es geht weiter. Es ist erst der Anfang, wie im letzten Beitrag beschrieben. Aber es gibt auch Grund zur Hoffnung. Was immer nur schlimmer wird, muss ja irgendwann wieder besser werden. Herr Drosten? Ja, aber …

Noch was. Die Freischaffenden, Kreativen, Gastronomen, ja, viele unter uns, wir müssen jetzt zwar schauen, wie wir über die Runden kommen, aber es ist nun mal so, dass das Problem allgemein ein größeres und globaleres ist, als die bloße Sorge keine Miete zahlen zu können. Wenn die Welt nicht heilt, bringen uns ein paar Tausend Euro auf dem Konto auch nichts. Diese Zwangspause wird uns stärker machen, kreativer, solidarischer, wir müssen nicht ständig arbeiten, um Geld zu verdienen. Wir können in uns gehen und überlegen, wie wir was bisher gemacht haben und dann mit neuer Energie, intensiver und mit deutlich mehr Substanz, aus der Krise hervorgehen. Die Krise als Chance, mag klingen wie ein schlechter Drei-Sterne-Hotelwand-Spruch, aber etwas anderes als Hoffnung ist zur Zeit nicht möglich. Dem Zynismus verfallen, ist keine Option. Nicht in ungesundem Maße, sprich: Wir werden eh sterben, irgendwann, ja, irgendwann. Aber nicht jetzt. Nicht heute. Nicht morgen oder übermorgen …

Ein paar gute Nachrichten:

  • Wir haben erkannt und sollten das in Zukunft auch mit mehr als einem alltäglichen Applaus entlohnen, dass Ärztinnen, Gesundheitspfleger, Kassiererinnen, Verkäufer, Busfahrerinnen, Apotheker, Lieferbotinnen und entschuldigt mich, wenn ich sie nicht alle aufzähle, aufzählen kann, mehr als bloße Dienstleister sind, die uns zu bedienen oder zu versorgen haben. Sie sind die absoluten Stützen dieser Gesellschaft. Völlig unabhängig der jeweiligen Qualifikation, sind wir alle gleich unwichtig und wichtig.
  • Die Faschisten halten sich mit dummen Aussagen erstaunlich viel zurück.
  • Die Umwelt erholt sich.
  • Weniger Lärm auf den Straßen, allgemein weniger Lärm.
  • Homeoffice ist doch gar nicht so schlecht, oder?
  • Hast du Zeit für mich? Ja. Wenn auch nur virtuell.
  • Für solche, die nie ruhen, nie alleine sein können, das ist eure Chance: Lernt es!
  • Kreative produzieren aktuell viel neuen Stoff, auf den wir uns nach dieser Pandemie freuen können

Liebe, Luc

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