TAG8+9+10+11+12_LUNGE UND EINSCHÄTZUNG ALLES KAPUTT

Ich huste und huste, mit vollem Einsatz, lautstark und immer ins Ellenbogengelenk hinein. Hier würde prima so ein Emoji mit hervorgehobenem Zeigefinger hinpassen. Ich halte Abstand, inzwischen sogar mehr als zwei Meter. Freiwillig. Der Bürostuhl, der Kleiderschrank und die Teetasse bestehen auf ein gewissenhaftes Distancing. Was mache ich? Habe ich das Virus? Oder nicht? Ich rufe die Hotline an, unterhalte mich kurz mit der ersten Dame, die rangeht, bis sie mich zu einer Ärztin weiterleitet. Okay cool.

Erst habe ich ein paar Fragen.

Okay.

Wie alt?

34. Bald 35.

Ja, nicht so wichtig. Haben Sie chronische Erkrankungen?

Nein.

Diabetes?

Nein.

Krebs?

Nein.

Durchfall?

Nein.

Kopfschmerzen?

Bisschen, geht aber.

Fieber?

Nein.

Schüttelfrost?

Nein.

Haben Sie bereits Ihren Hausarzt konsultiert?

Über E-Mail. Ja. Er meinte, dass ich mir einen Hustenlöser besorgen soll, dazu ein paar Paracetamol und dann wird das schon klappen. Schließlich bin ich doch ein junger Bengel. Hat er gesagt. Das würde ich schon überstehen, egal was es ist. Hat er auch gesagt. Das war vor drei Tagen. Was glauben Sie? Soll ich mich lieber testen lassen?

Nein, das brauchen Sie nicht. Nähern Sie sich nur alten und schwachen Menschen nicht. Isolieren Sie sich. Wenn die Symptome nicht schlimmer werden, warten Sie einfach ab, bis es besser ist. Okay?

Okay.

Schönen Tag noch.

Ja, Ihnen auch.

Das Gespräch hat mich dann irgendwie doch beruhigt. Keinen Schritt weiter, aber immerhin kann ich noch sprechen. Kann so schlimm nicht sein. Besser als Intensivstation. Da will man der coolste Dude in town sein und dann holt es einen trotzdem ein … der Stress, die Panik, die Angst … Produktiv bin ich auch nicht. Das ist für mich keine wirklich kreative Zeit. Noch nicht. Ich versuche es, aber mir fehlen die Menschen, die es zum Anfassen gibt. Mit Haptik-Effekt. Die Muse ist doch da draußen. Dort, wo ich nicht hindarf. Aber sicher nicht hier zwischen meinen eigenen paar erbärmlichen heimischen Wänden. Und ich will nicht chinesisch lernen. Ich will keinen Online-Kochkurs belegen. Ich will ins Restaurant um die Ecke, mich auf einen Stuhl setzen, ein Bier und eine warme Suppe bestellen. Von einem Menschen bedient werden, dem ich dann Geld dafür geben darf und der daraufhin sein dankendes Lächeln wirklich ernst meint. Also arbeite ich einfach nur ab. Etwas zu langsam an bestehenden Projekten, antworte auf ein paar E-Mails, ja, klar, mach ich gerne mit, aber klar, in diesen Zeiten, alles ungewiss, vielleicht Dezember? Jaja, bis dann

Aber bitte keine Online-Lesung, ich mag das Publikum nicht zu mir nach Hause schleppen. Wenn ich mein Publikum irgendwo nicht haben will, dann ist das bei mir Zuhause. Und eine Webcam ersetzt das Live-Gefühl nicht. Es zieht mich eher noch weiter runter, weil es mir wieder vor Augen führt, was das für eine game-changing Zeit ist. Es ist so traurig, ganz egal wie sehr ich den Dj, die Musikerin oder den Schauspieler mag, online und über Webcam berührt (sorry für das prätentiöse Wort) mich das künstlerische Schaffen überhaupt nicht. Nur ein weiteres pixeliges Köpfchen vor weißer Wand mit Bücherregal. Aber macht weiter. Macht es besser als ich. Macht es für die Menschen, die das brauchen und schätzen. Sie in einsamen Zeiten ein kleines bisschen aufheitert. Das waren keine guten Tage. Sie werden besser. Es gilt aber nach wie vor: Sei kein Arschloch. Ich versuche es auch. Demnächst dann wieder mehr und hoffentlich guter Laune.

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Liebe, Luc