TAG13+14+15+16_SPOILER ALERT:NEGATIV UND EIN WERK aus VIELEN UNZÄHLIGEN TEILEN

Über die letzten Tage hinweg experimentierte mein Körper so ziemlich mit allen möglichen Covid-19 verdächtigen Symptomen. Bisschen Fieber, immer noch mehr Husten, dann kurze Zeit bisschen weniger, dann nochmal Vollgas, Schüttelfrost, das komplette Virus-Programm.

Gestern zum Drive-In-Corona-Test, Fenster runter, Mund groß auf, aaaaaah, denke an meinen Zahnarzt und wie letzterer mich als ängstliches Kind verfluchte. Nein, ich will nicht aaaaah machen, aua, das tut weh, ich will nicht, tut weh … Zurück in die Realität. Ich unterbreche das doofe reflexhafte aaaaaah, denn sie hat nie gesagt, ich soll aaaaaah machen. Nur den Mund aufmachen. Kann ich. Etwas mehr. Und schon steckte mir die Frau im Weltuntergangskostüm ein überdimensionales Ohrstäbchen hinten in den Rachen, bis ich fast k… aber dann ging es wieder. Schönen Tag noch, wünschte sie mir zur Verabschiedung. Fenster hoch. Sie lächelt. Auch mit den Augen. Ihren Mund konnte ich nicht erkennen. Naja. Menschen in Schutzanzügen und mit Atemschutzmasken beeindrucken mich. Und lösen gleichzeitig eine gewisse Ehrfurcht in mir aus. Aber nicht nur das.

Ein Gespräch mit mir unter vier Augen

Habe ich wirklich gerade versucht mit ihr zu flirten?

Social distancing, Alter! Ganz normal!

Luc, du siehst nicht mal, wie sie aussieht …

Innere Werte, du scheiß Sexist!

Ja, aber …

Fahr jetzt, das ist echt peinlich!

FERTIG

Wo war ich? Ehrfurcht, ja genau. Schuld sind aller Wahrscheinlichkeit nach die vielen Marvel-Comics, die ich gelesen und/oder gesehen habe.

12 STUNDEN SPÄTER

Negativ. For now. Kann ja noch werden. Die Welt außerhalb der eigenen vier Wände ist schließlich völlig verseucht. Die mit dem menschlichen Auge nicht erkennbaren fiesen Massagebälle warten voller Vorfreude auf ihre Chance, sich endlich weiter vermehren zu dürfen.

IS IT JUST FANTASY?

Ansonsten. Ich so. Entspreche nicht annähernd der Vorstellung von mir, der ich gerne entsprechen würde. Täglich um 09:00 Uhr am Schreibtisch. Drei Romane bereits fertig, zwei Essays über das Leben nach der Quarantäne bereits ins Netz geladen und jede Menge Notizen zu potenziellen neuen Theaterstücken für das Jahr 2021. Nein. Wie es wirklich ist, wage ich hier nicht zu beschreiben.

NO ESCAPE FROM REALITY

Okay, kurz: Bett. Essen. Arbeiten (im Bett). Essen. Essen. Arbeiten (im Bett). Bett. Bett. Bett. Essen. Arbeiten (im Bett). Beliebige Reihenfolge, manchmal irgendein Motivationsschub, der mich zu irgendwas Verrücktem bewegt: Nicht essen, dafür arbeiten (am Schreibtisch). Oder umgekehrt. Möglichst wenig duschen. Ist nicht gut für die Haut. Und mich immer wieder meinen eigenen Widersprüchen hingeben.

GEDANKEN GEDANKEN GEDANKEN

Und den Gedanken. Gedankenfetzen, die ganze Zeit. Unfertige gedachte Skizzen von virtuellen Eindrücken der letzten Tage, Wochen, … Eine einzige große nicht nachvollziehbare Skizze. Ein bisschen Idee, ein bisschen Fortschritt, sofortiger Rückschlag. Zu müde, um einzuschlafen. Nicht wach genug, um nicht verrückt zu werden. Verrückt genug, um nicht eingewiesen zu werden. Und jetzt beim Versuch die Gedanken niederzuschreiben, entfallen sie mir wieder. Unfertige Gedanken brechen noch vor ihrer ersten Verschriftlichung zwischen Hirn und Niederschreiben zusammen. Und jetzt doch, da sind sie wieder. Ein Versuch:

GEDANKENKARUSSELL I

Draußen spielen Kinder, sie schreien sich gegenseitig an, wahrscheinlich Bruder und Schwester, Schwester und Schwester, Bruder und Bruder, die Stimmen verraten in dem Alter selten die Geschlechtszugehörigkeit. Wenn du nur die Stimmen hörst. Die Gärten und Balkone werden zu Inseln der Freiheit. Die Pausenhöfe der Ausgangsbeschränkung. Mitten im eingesperrten Land.

GEDANKENKARUSSELL II

Der Rasen wird gemäht, ständig werden in Quarantänenzeiten überall Rasen gemäht. Jeder Tag ist ein Sonntag. Tag für Tag spielen die Väter Gärtner, nur selten beobachte ich rasenmähende Frauen. Ich werde jedenfalls nie Rasen mähen. Da bin ich ganz Frau. Der soll wachsen. Mir doch egal. Höher und höher. Die Natur weiß schon, was sie tut. Auch ohne den Menschen. Bestenfalls ohne den Menschen.

GEDANKENKARUSSELL III

Wie hoch ist das Risiko, mich zu infizieren, wenn ich einkaufen gehe? Wie schlimm würde mein Verlauf bei einer Infektion werden? Wie viele Probleme (kann man Probleme zählen?) würde ich bekomme, wenn ich lautstark und nicht mal so ganz ohne Absicht Hamster-Einkäufer anhuste? Kurz danach aber beschwichtige, dass ich doch gestern negativ getestet wurde. Habe ich nicht vor ein paar Tagen noch auf die Idioten geschimpft, die andere Menschen anhusten? Werde ich verrückt? Bin ich es schon? Aber ernsthaft, warum husten Menschen andere Menschen an? Warum? Ich will die Antwort nicht wissen.

GEDANKENKARUSSELL IV

Das Haus muss sauber sein. Das Haus muss gelüftet werden. Jetzt weint wieder irgendein Kind, kannst du nicht deine Hausaufgaben machen? Und ist es möglich, dass Corona die Dummheit einiger Präsidenten so dermaßen deutlich offenlegen wird, dass die Wählerinnen und Wähler sie konsequenterweise nicht mehr wählen? Müsste das nicht eine rhetorische Frage gewesen sein?

GEDANKENKARUSSELL V

Werden es in neun Monaten mehr Scheidungsanträge oder mehr Geburtenanmeldungen geben? Soeben hatte ich noch einen anderen passenden Gedanken, aber jetzt ist er weg. Ist der Gedanke weiblich? Die Gedanke? Nein, der Gedanke. Aber: Die Gedanken.

GEDANKENKARUSSELL VI

War die Anschaffung der App Calm reine Geldverschwendung? (Jahresabo) Ruhig bleiben. Bequeme Sitzposition finden. So. Genau. Einatmen. Sei geduldig mit dir. Ach, halt die Schnauze!

GEDANKENKARUSSELL VII

Morgen wird alles gut. La Casa de Papel geht weiter. Wenn die Tokyo killen, werde ich eine Woche das Haus nicht mehr verlassen. Aus Protest.

GEDANKENKARUSSELL VIII

Wann werde ich das nächste geile Konzert nicht auf meinem Bildschirm erleben? Okay. So wichtig ist das jetzt nicht. .

GENUG

Was du jetzt noch machen kannst:

  • Dich informieren: Corona geht gerade erst los
  • Gute neue Musikalben hören: Kakkmaddafakka, Husten, Bon Iver …
  • Lasagna und Tiramisu selbst machen, alles aufessen, danach nicht die Zähne putzen, ins Bett legen, Serie anfangen, sofort einschlafen, am nächsten Morgen dann Wellness Programm, vielleicht sogar Sport …
  • Kein schlechtes Gewissen haben, nie
  • Alle Texte in meinem Blog lesen und mich auf die besonders peinlichen aufmerksam machen
  • Etwas zu lange duschen, dich danach bei Greta per E-Mail entschuldigen
  • Jeden Tag ein Selfie
  • Farin Urlaubs Cover von Alles ist gut hören
  • Willst du lachen, weinen und dich fremdschämen? Schau Tiger King!

Liebe, Luc