TAG17+18+19+20+21+22+23+24_DRAMA BABY DRAMA

Unzählige Überschriften, dass es auch die jungen Menschen erwischen kann. Ja, auch dich. Klick hier, weil genau hier findest du ein Video von einem jungen Menschen, der echt einen harten Verlauf der Covid-19-Krankheit hinter sich, was sag ich?, immer noch vor sich hat. Immerhin bringt er noch, nur für dich, die Kraft auf, einmal schön auf Aufnahme zu drücken, Selfie-Modus, um dir davon zu berichten, ja, um dir die vom jugendlichen Leichtsinn unterlaufenen Augen zu öffnen, dass auch junge Menschen krank werden können. Also doll krank, nicht so kaum erwähnenswert kränklich.

Du sitzt vor deinem Laptop oder Handy oder was es auch immer für ein Endgerät sein mag, durchstöberst Watch auf Facebook oder IGTV auf Instagram und fällst auf eine der zahlreichen Video-Aussagen von an Covid-19 erkrankten jungen Menschen. Der sehr krank gewordene Mensch hat kaum Stimme. Du stellst den Ton lauter, damit du ihn hören kannst, weil er kann leider nicht lauter sprechen. Das ist alles die Schuld von diesem Corona und deswegen will der infizierte Mensch dir einfach nur sagen, dass es auch dich, also mich, also alle, von kerngesund bis schwer vorerkrankt treffen kann … Er ist nämlich 25, ohne Vorerkrankung und trotzdem kurzatmig, fiebrig und so weiter … richtig hart krank.

Das tut dir natürlich leid. Du bist ein empathischer Mensch. Nur fragst du dich: Was mache ich nun mit dieser Aussage? Ich kann also auch schwer krank werden. Vielen Dank.

Was ist der Kern deiner Aussage? Oft wirkt es ein wenig so, als würde man nachträglich auf den Ich-nehm-die-Krankheit-jetzt-auch-ernst-Zug aufspringen wollen. Gestern noch Corona-Party gefeiert, die Erklärungen der Virologen als übertrieben dargestellt und überhaupt, es trifft uns Gesunde ja nicht. Falls doch, wird es uns kaum auffallen, dass wir krank sind. Party on, lass gefährdete Menschen anstecken gehen. Und Schnitt. Oops, ich bin positiv, eigentlich gesund und jung, aber der Krankheitsverlauf wird fieser und fieser … Ab dem Zeitpunkt, wo es einen, uns junge Menschen, doch trifft, werden wir vorsichtig und solidarisch. Ja, solidarisch, mit der eigenen Angst vor dem Tod. Der Motor: Egoismus. Nicht Empathie und Sorge um sein näheres und nicht so nahes Umfeld. Das klingt in diesen Videos manchmal so (ein Eindruck, keine Unterstellung), als wäre man erst dann aufgewacht, erst dann vorsichtig geworden, als man selbst krank wurde. Wäre das nicht passiert, hätte man friedlich weiter alle Warnungen vor dieser Pandemie ignorieren können, weil sterben tun nicht wir, sondern die Vorerkrankten, die Kranken und die Alten. Das ist kein Aufklären. Das ist Realität und ihr fester Arschtritt. Atemnot in der Nacht ist eben kein schlechter Helene Fischer Song, sondern bitterer Ernst. Es erwischt einen ja nie, bis es einen erwischt und dann auf einmal versteht auch der letzte Horst, dass das nicht geil ist. Und eben alles daran gesetzt werden muss, dass so wenige Menschen, wie nur möglich, das durchmachen müssen.

Und doch gilt: Keine Panik. Diese sanitäre Krise ist kein Event und keine Performance. Sie muss ernst genommen werden, aber nicht zu einer Super-Katastrophe hochstilisiert werden. Wer die sozialen Netzwerke hoch – und runterscrollt, wird schnell feststellen, dass sich ein gewisser Hang zur Überdramatisierung unter den Menschen verbreitet hat.

Du merkst, wie dir ganz komisch wird. Du hast jetzt drei solcher Videos gesehen und hast Angst, dass du bald krank wirst. Auch deine Freunde befürchten das schlimmste, nachdem sie durch Artikel wie Warum das Virus auch für junge Menschen gefährlich ist, Junge Menschen erkranken teils schwer an Covid-19: Virologe Kekulé hat 2 Vermutungen oder So tödlich ist das Corona-Virus für jüngere Menschen gezappt haben. Angst, Angst, Angst, ist nie genug. Es müssen mehr Nachrichten her, um noch mehr Angst zu bekommen.

Du bist bald 35, hast ordentlich geraucht und gesoffen und die Chance ist hoch, dass du verreckst, wenn du dich infizierst. Was ist dieses Kratzen im Hals? Hast du Fieber? Dir wird ganz warm … Ruhig … Atmen … Siehst du, es geht noch … Wo führt diese Berichterstattung also hin? Und diese Videos? Was wollen sie uns sagen? Dass wir alle Panik haben sollen, dass wir alle sterben werden. Das wussten wir schon vor Corona.

Versteh mich nicht falsch. Informationskampagnen und Vorsichtsmaßnahmen sind überaus wichtig, wenn für letztere auch Fachleute zuständig sind. Keine Laien, keine Instagram-Blogger oder selbsternannte kritische Wasauchimmer. Es gilt Vorsicht walten zu lassen, Abstand zu halten, auch und vor allem, um die Risikogruppen vor einem schweren Krankheitsverlauf zu schützen. Das nennt sich Solidarität und ist eine der Hauptstützen unserer Gesellschaft. Erhobener Zeigefinger aus. Da braucht es zusätzlich nicht noch mehr Verbreitung von Hiobsbotschaften, dass es auch die treffen kann, die es normalerweise nicht trifft. Sondern es gilt denen zu helfen, die es trifft, egal welches Alter und welche (Risiko)Gruppe. Egal ob sich jemand leichtsinnig infiziert hat oder nicht.

Durch dieses ständige spreaden von schlechten Nachrichten und unterschwelligen Vorwürfen, getarnt als Selbstkritik derjenigen, die nie dachten, es würde sie so hart erwischen, es erst dann ernst nahmen, als es das doch tat, macht die Sache auch nicht geiler. Mehr als auf Experten hören, zuhause bleiben, uns gegenseitig helfen, können wir nicht tun. Sprich: Kein Arschloch sein, kühler Kopf, warmes Herz.

Und noch was: Es ist kein Krieg. Wer es Krieg nennt, egal ob französischer Präsident oder Queen-of-Kommentarspalte-auf-Facebook denkt auch, Drogenboss zu sein, nachdem er Narcos auf Netflix durchgebinget hat. Wäre es ein Krieg, würden meine Nachbarinnen und Nachbarn nicht tagtäglich Koteletten im Garten brutzeln. Sich nicht abends, pünktlich für 20:00 Uhr, dabei filmen, wie sie in Solidarität mit den systemrelevanten Menschen, möglicherweise nur sich selbst beklatschen. Hochladen auf Instagram, Filter: Rom.

Mit der Katastrophe flirten Menschen immer nur dann, wenn sie sie noch nie erlebt haben. Oder nur durch Bruce Willis, nach Feierabend. Und gilt die Solidarität wirklich den schwachen Menschen oder nur der Rettung des bevorstehenden Sommers? Kann die Fußballsaison noch gerettet werden? Und wird Rock am Ring stattfinden? Solidarität als Deckmantel für eine Sehnsucht nach Wiederbelebung der eigenen Wohlfühlblase. Das ist ziemlich kontraproduktiv. Wir müssen zusammen da durch. Heißt aber auch, dass wir wirklich zusammen da durch müssen. Mit dem Blick nicht nur bis zum nächsten Sommerurlaub gerichtet.

Liebe, Luc