Autor: Luc Spada

Luc Spada schreibt Theaterstücke und Bücher. Als Schauspieler ist er in Haupt - und Nebenrollen in verschiedenen internationalen Film – und Kurzfilmproduktionen zu sehen. Auch tourt der luxemburgische Künstler mit unterschiedlichen Performances und literarischen Soloshows durch den gesamten deutschsprachigen Raum. 2010 wurde Luc Spada mit dem Künstlerstipendium der Landesvertretung Nordrhein-Westfalens in Berlin ausgezeichnet.
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TAG8+9+10+11+12_LUNGE UND EINSCHÄTZUNG ALLES KAPUTT

Das Gespräch hat mich dann irgendwie doch beruhigt. Keinen Schritt weiter, aber immerhin kann ich noch sprechen. Kann so schlimm nicht sein. Besser als Intensivstation. Da will man der coolste Dude in town sein und dann holt es einen trotzdem ein … der Stress, die Panik, die Angst … Produktiv bin ich auch nicht. Das ist für mich keine wirklich kreative Zeit. Noch nicht. Ich versuche es, aber mir fehlen die Menschen, die es zum Anfassen gibt. Mit Haptik-Effekt. Die Muse ist doch da draußen. Dort, wo ich nicht hindarf. Aber sicher nicht hier zwischen meinen eigenen paar erbärmlichen heimischen Wänden. Und ich will nicht chinesisch lernen. Ich will keinen Online-Kochkurs belegen. Ich will ins Restaurant um die Ecke, mich auf einen Stuhl setzen, ein Bier und eine warme Suppe bestellen. Von einem Menschen bedient werden, dem ich dann Geld dafür geben darf und der daraufhin sein dankendes Lächeln wirklich ernst meint. Also arbeite ich einfach nur ab. Etwas zu langsam an bestehenden Projekten, antworte auf ein paar E-Mails, ja, klar, mach ich gerne mit, aber klar, in diesen Zeiten, alles ungewiss, vielleicht Dezember? Jaja, bis dann …

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Tag5+6+7_ALSO EY WIRKLICH WIE LANGE JETZT NOCH?

Die Sonne schien, ich war joggen, stand nackt auf der Dachterrasse rum (sorry, liebe Nachbarn, meine Art von Social Distancing), trank dabei Espresso, rauchte gegen Covid-19 an … Fast wie im Urlaub. Wie in so einem teuren Wellness-Hotel für 300 Euro die Nacht, wo man auch nicht raus will, weil jede Minute draußen, die sauteuren Wellness-Hotel-Preise nicht rechtfertigen würde. Folgerichtig wird jede schweineteure Minute drinnen verbracht. In der Sauna, im Schwimmbad, auf der Massageliege, beim Buffet, auf einer extra für den Rücken zugeschnittene Wasserbettmatratze, unter dem Infrarotlicht. Damit es sich richtig lohnt. Nur eben ohne Sauna und Schwimmbad und zahlreiche andere Annehmlichkeiten. Einfach nur Sonne und der oder das Virus irgendwo weiter weg. Unsichtbar, aggressiv, tödlich im schlimmsten Fall.

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TAG3+4_TEST ONE TWO ONE TWO: DIE SONNE SCHEINT IMMER NOCH

Umarmen sich einander, küssen gegen die Panikmache … Nur aufpassen, dass Corona euch nicht fickt. Corona akzeptiert kein Nein. Er will immer mehr. Immer weiter, schneller, noch mehr … Erinnert mich an einen Krebsfall in meiner Familie, als der Arzt erklärte, dass alles, was dieser scheiß Krebs will, wachsen ist. Um ihn zu stoppen, sind drastische Maßnahmen nötig. Offensichtlich. Und der Ausgang immer ungewiss. Bereits nach vier Tagen in Isolation flirte ich mit dem Gedanken, dass es bestimmt gleich vorbei ist, versuche den Ernst des Geschehens zu verdrängen. Schließlich ist bald Festivalsaison, schließlich ist die Pauschalreise (naja, die nicht wirklich) längst gebucht, schließlich ist doch Sommer und Sommer ist immer geil, weil Sommer eben. Und Sonne. Mit diesen rotfarbigen Getränken auf heruntergekommenen Holztischen. Mit Menschen, die einen anlachen, einfach so. Und nicht selten sind sie dabei knapp bekleidet, was einen doch immer wieder freut. Im Sommer. Innere Werte dürfen situationsbedingt auch mal überbewertet werden.

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TAG1+2_GEDANKEN IN SACHEN UNTERGANG DER WELT UND VIELLEICHT ABER AUCH NICHT

Hier sollte er stehen. Der wütende Text. Über die ganzen Wichser, die Klopapier und Dosenfraß horten und den wirklich kranken und schwachen Menschen nicht einmal eine Nudel übrig lassen. Ein wütender Text über den Zerfall der Gesellschaft. Auf wen kannst du dich verlassen, wenn es hart auf hart kommt? Richtig! Niemanden. Dieser Text war richtig wütend. Der Autor hat ihn gelöscht. Jetzt ist er weg, der Text, der Autor immer noch nicht, erfreut sich bis dato bester Gesundheit. Grund genug, keinen wütenden Text zu schreiben. Die Wut, der Ärger, die Dummheit, sie alle, mindestens sie drei, sie werden es nicht schaffen. Sie werden nicht überleben. Nicht, wenn wir überleben wollen. Nicht, wenn wir diese Krise durchstehen sollen. Wir haben keine Wahl und das ist gut. Hier wird also kein wütender Text stehen.

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BE OFFLINE_GIRRRLS_11.03.20

Die zweite Ausgabe der Literaturreihe BE OFFLINE (Thema: GIRRRLS) wurde vor zwei Tagen auf die Bühne gebracht. Die zwei Künstlerinnen Ronja von Rönne und Fabienne Elaine Hollwege waren (sind es vermutlich immer noch) herausragend, unser Resident DJ Kwistax legte die passenden Beats auf und ich führte durch den Abend. Hier kannst du dir ein paar Fotos anschauen.

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GEDANKEN ZUR LAGE AUF DEM WEG ZU RUHE UND GELASSENHEIT

Du musst die Welt umarmen oder zumindest den regionalen Helden, lass es eine Heldin sein, aber regional, das muss schon sein. Lass es auf keinen Fall ein Rückspiegel sein. Auf dem Weg zum irreversiblen Muss braucht es einen absoluten Willen. Und wo kein Weg vorbei führt, stehst du. Wenn ich dich sehe, will ich mich nicht mehr in Luft aufgelöst verstehen. Was ich erkenne, sind nicht die Türen, die sperrangelweit offen stehen. Daneben ist eine Mauer. Da will ich durch. Break it like Copperfield. Wenn du alles falsch machen willst: Never kill your idols. Oder werde Zauberer. Lass es eine Zauberin sein. Lass es einen schlechten Übergang werden und lass dich verzaubern, werde deine eigene TV-Show und mach es ganz ohne Ironie. Es klatschen keine beautiful people, sie sind nur laut, denn die Bude ist voll people. Her mit dem Bier, auf dem Weg zum Deichkind Konzert, musst du erst deine Jacke in der Garderobe abgeben. Es ist Winter. Auf dem Weg zur Jacke darfst du deine Marke nicht verlieren. Deinen Sinn für schlechte Floskeln auch nicht. Markiere dein Terrain, lass es meinetwegen ein Glückskeks sein. Auf dem Weg zur Hölle musst du zwischenzeitlich ein Stück vom blauen Himmel abbeißen. Du schreibst mir eine Nachricht, dass du das heute schon gemacht hast. Hat gut geschmeckt. Sagst du. Ich schreibe nicht zurück. Ich komme da nicht ran und meine Zähne sind faul oder gelb oder beides. Zu blau für dich.

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TITEL HIER EINGEBEN GLEICH NACH DER PARTY

Du. Wenn die Party vorbei ist, singt Provinz, dann bin ich wieder alleine. Da hat sie recht, sie, der Zustand, die Band. Ich wollte nie, dass sie aufhört. Wenn Momente enden, klatschen Leute immer um die Wette. Und selten folgen Gewinner. Die Lichter werden zu Black, die Gespräche zu geschwätzigem Schnee, die Welt, na ja, die Welt. Ich könnte, ich schwöre, wenn ich müsste, ich würde die Party nie verlassen. Von oben kämen Neugeborene und Konfetti und im Raum, mein lautes Geschrei: ICH HABE EUCH GEWARNT. VOR SECHS JAHREN. WISST IHR NOCH? ICH HABE EUCH GEWARNT, IHR DÜRFT MIR NICHT DIE UNSCHULD NEHMEN.
Die Feuilletons waren sich schnell eins. Jung. Gutaussehend. Keine Ahnung von aktuellen Strömungen und ARTE war auch nicht mehr, als die kleine dumme Ausrede, um Frauen abzuschleppen. Sie haben es von Anfang an gewusst. Hier steckt zu viel Wahrheit drin, hier wird noch der Mensch kritisiert, aber keine Ahnung von Menschlichkeit. Und kein Roboter dieser Erde wird es mit mir aufnehmen können.

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DER STURM GEHÖRT MIR

Ich bin stärker, als ich annahm. Schwächer, als ich mir je eingestehen würde. Ich bin Verzweiflung und Sturm zugleich. Ich weiß jetzt, was es heißt, ich zu sein. Dass ich nicht du sein kann. Eine Erklärung, die richtigen Worte, habe ich natürlich nicht. Und es heißt nicht, dass ich mit dem Scheißkerl im Reinen bin, heißt nicht, dass morgen alles besser wird, heißt ebenso nicht, dass ich jetzt auch ich bin, aber ich weiß, wer ich ist. Oft lachen wir zusammen. Oft lacht er mich aus. Meistens, wenn ich am dünnhäutigsten bin und die Tränen plötzlich hochschießen. Ich verliere ihn oft. Dann bin ich wieder ganz Kind, als hätte ich meine Eltern, im Supermarkt, aus den Augen verloren. Dann stehe ich da. Zwischen Bio-Gurken und fucking Sesam-Riegeln. Wenn wir uns dann wiederfinden, schauen wir zusammen Mr. Robot und freuen uns, wenn einer von beiden einen langsamen, hässlichen Tod sterben muss. Am Ende darf der Gewinner am lautesten lachen. Der Sturm gehört mir.

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KRITIKER NICHT IN DER NACHT BELEIDIGEN

Wenn man viel getrunken hat, schnell, das Fenster auf, viel Wasser trinken (ohne Kohlensäure) und hoffen, dass der Kater nicht zu laut schnurrt. Noch was essen? Essen nach Mitternacht macht besonders viel Spaß, besonders wenig schlank. Ja, ok, schnell noch was essen, oh, noch eine Salami, aufessen, aufgegessen und sich mit schlechtem Gewissen davonträumen, Rausch ein, Rausch raus. Wenn man aber nur ein, zwei Drinks hinter sich hat, nach dem riesen, überteuerten Burger und bereits früh wieder zu Hause ist, weil die Freunde, mit denen man den Burger gegessen und die ein, zwei Drinks genossen hat, morgen früh rausmüssen (irgendwann ist das so, dass die Freunde am nächsten Tag IMMER früh rausmüssen), weil sie Marathon laufen oder Kinder zeugen wollen und man nicht alleine weitertrinken möchte, was dann? WAS ALSO DANN?

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ICH BIN AUCH HEUTE IMMER NOCH MÜDE

Womöglich werde ich es auch morgen sein. Gestern hat mich ein junger Mann, jung, wie ich selbst ein junger Mann bin, gefragt, ob Schreiben mein Hobby ist. „Bloß nicht“, habe ich gesagt. Hobbys und ich, nein, das geht nicht, habe ich nicht gesagt. Puzzlespiele, Bastelkeller oder Seehofer: Zeitvertreib im Untergrund, nein, das ist nicht mein Ding. Schreiben ist Leben oder Leben ist Schreiben oder mein Leben ist meine Geschichte, beziehungsweise wird deine zum Plot meines Lebens. Du, junger Mann, du bist nun Teil meiner Geschichte, meines Schreibens. Das alles habe ich auch nicht gesagt. Ich habe gefragt, ob ich ihm was zu trinken holen soll. Die Getränke wären schließlich umsonst. Er hat gelacht. Nicht weil ich so wahnsinnig witzig war. Nichts zu danken, habe ich auch nicht gesagt.

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SCHLUSS MACHEN 2/2

„Was ist heute nur los mit mir?“, habe ich mich gefragt, nachdem ich die ganze Schokaladenbox, auf der Packung stand 250 Gramm, in einem Zug weggeatmet habe. Danach hatte ich Bauchschmerzen. Eigentlich aber schon kurz bevor ich die Packung aufgerissen habe. Und noch sicherer kurz bevor ich sie vernichtet habe. Warum? Ja, warum? Ich weiß auch nicht, was mich in diesen Maßen eskalieren lässt. Ich nehme die volle Verantwortung, aber ich kann nichts dafür. Wirklich. Ein Versuch einiger Antwortmöglichkeiten: Ich will mir schaden, ich mag den Geschmack. Ich darf, weil ich kein Kind mehr bin, mir es also niemand verbietet. Ich habe bald wieder vor, Sport zu machen, mit Rauchen aufzuhören, nie wieder Alkohol zu trinken. Vielleicht schon morgen, weil Vorsätze an Tagen wie diesen wieder hoch im Kurs sind, und bis dahin, will ich mich einfach noch einmal gehen lassen. Ein letztes Mal krass sein und dann der unvermeidbare Verzicht. Das lange Leben. Der Sixpack will endlich Realität, der Marathon gelaufen werden. Dass das alles Quatsch ist, ich mir einfach nur einen Vorwand zusammenzubauen versuche, um ganz viel Schokolade zu essen, weiß ich selbst. Das werde ich mir nie eingestehen. Und das musst du aushalten, ich auch. Tag für Tag, monatelang. Das ist wahre Liebe und ich weiß, dass du noch nicht dazu bereit bist.

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SCHLUSS MACHEN 1/2

Die letzten gewaltigen Worte sind schlussendlich auch nur Worte. Sie wirken groß, gut überlegt, aber das Resultat bleibt das gleiche: Es ist vorbei „Ich gehe jetzt, keine Ahnung wohin.“ Vielleicht weißt du nicht einmal warum. Man könnte anfangen, einen Schuldigen ausfindig zu machen. „Du warst zu frech, ich halte das nicht mehr aus“ oder „Du machst meine Freunde immer klein“ oder „Du gibst einen Scheiß- dreck auf die Meinung der anderen“ oder „Du kostest zu viel Geld“. Die ewige Suche nach der Schuld, einem Sündenbock. Die Zeiten sind oder müssten vorbei sein. Was, wenn der Schuldige gefunden wird? Was würde es ändern? Was bringt es dem Opfer, wenn sein Mörder auf dem elektrischen Stuhl brät?

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PLAY AND SHARE 2/2

Und was? Du hörst immer noch die gleiche Mucke wie früher, als wir 16 waren, wir auf der großen Wiese im Stadtzentrum gekifft haben? Ernsthaft? Immer noch „Fuck the System“, aber letztes Mal, als ich bei dir Zuhause war, als du und deine Frau mich eingeladen habt, wolltet ihr mit mir zusammen Sushi machen? Und ihr hattet nicht einfach Gin und Tonic, sondern so ein kofferähnliches aufklappbares Ding, wo alles, was man für den perfekten Gin braucht, drin war. Ganz selbstverständlich, so als wäre es ok, so ein Köfferchen zu haben. Warum nicht einfach Eis, Gin, Tonic, trinken und reden und fertig? Ja, ihr genießt so gerne, ihr sauft nicht mehr, ich weiß… „Ein Gin To ist nicht einfach nur ein Gin To, zwischen Gin To und Gin To (ja, du hast Gin To gesagt. Als wäre das Getränk dein bester Freund. Als würdet ihr euch nur noch beim Spitznamen nennen) können Welten liegen“, zelebriertest du dein scheiß Köfferchen Limited Edition. „I want to take you through a wasteland, I like to call my home“, höre ich Billie Joe mir ins Ohr flüstern. Klar, du darfst gerne Green Day, Alkaline Trio und Blink182 hören. Bis du tot umfällst, aber dann hol dir dein Essen auch, wie früher, vom nächstgelegenen Fast-Food-Restaurant und ich bringe eine Flasche Billo-Schnaps mit, und dann besaufen wir uns, und der Abend ist gelungen.

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PLAY AND SHARE 1/2

Wer die letzten Tage und Wochen nicht komplett im Offline gelebt hat, weiß jetzt ganz genau, was sein guter Freund Ingo für Musik hört. Wer zudem Spotify-Abonnentin ist, weiß jetzt auch, was 2017 (und 2016, 2018,…) in Heavy Rotation lief. Bilderbuch? Coldplay? Oder doch die Beatles? Spotify bietet freundlicherweise an, seinen Hörgenuss mit all seinen Freunden, Followerinnen und Bekannten zu teilen. Ingo hört super gerne Rihanna, und auch diese Ariane findet er ganz super. Und Ingos Freundin Lisa hört ganz gerne David Guetta und Justin Bieber, welcher ihr Lieblingskünstler 2016 war. Jetzt wird fleißig geteilt, schließlich teilen Ingo und Lisa und Anne-Marie und Finn, und wie sie und wir alle heißen, alles. Das muss Argument genug sein. Nur warum? Ja, die Frage muss doch mal erlaubt sein. Warum wird geteilt?

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ALLES SCHWARZ

Wie „so ein schlechter Ohrwurm“, wie die „Deckkäpp“ oder andere „So Sachen“, die viel zu laut sind, völlig nutzlos, nicht witzig, nicht erhellend (ich sage jetzt nicht, dass alles immer erhellend sein muss, zum Beispiel finde ich Miley Cyrus „richtig cool“) und zu allem Übel, immer viel zu viele Menschen anziehen. Klar kannst du vier wichtige Denker ins neimënster einladen, die Ideen zu einer besseren Welt diskutieren. Mit Glück verirren sich zwanzig Menschen dorthin. Außer natürlich du heißt Richard David Precht, der Black Friday unter den Denkern. Na gut, ein andermal, pardon. Da strömen sie vor sich hin, diese von Gier getriebenen Massen. Stopfen die Tüten voll mit Geizgeilheit-Schnickschnack, bevor sie später zu Fridays for Future eilen. Natürlich kommt die Tradition, wie alle anderen geilen Traditionen auch, aus den Vereinigten Staaten: Thanksgiving, Halloween und eben Black Friday, tatsächlich ein reiner „Wirtschaftstag“. Wikipedia erklärt, und sie hat immer recht, dass die Amis den Tag nutzen, da Brückentag, da zwischen Thanksgiving und Wochenende, um die ersten Weihnachtseinkäufe zu erledigen.

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VORSICHT, VORSICHT!

Er spricht mit mir. „Ouah feuinh“, höre ich. Ich glaube, das ist Französisch. Eine Sprache, die mir nicht leicht fällt. „Will er mich überfallen?“, denke ich. „Will er mich zusammenschlagen?“, denke ich. „Jetzt machen sie es wahr, diese gehässigen luxemburgischen Literaturkritiker. Sie haben einen Schläger organisiert, um die Scheiß-Literatur aus mir herauszuprügeln. Hoffentlich finden meine Freunde, Freundin oder die Polizei die eine Schublade mit meinen zahllosen (es sind wirklich viele) unveröffentlichten Manuskripten, die dann post mortem veröffentlicht werden. Und dann werde ich ein gefeierter toter Schriftsteller, wenn sie denn gefunden werden…“, denke ich. „Du feu?“, der andere dunkel gekleidete Mann, oh Französisch, wirklich, „ah oui, j’ai, oui, quelque part, je cherche, un moment, mon pantalon, je trouve pas euhhh (weil ,euhhh‘ klingt sehr Französisch, das habe ich in Paris gelernt)“, versuche ich die Worte dieser unmöglich souverän zu meisternden Sprache zu finden. „Mais non, j’ai du feu, regardez“, sagt er, und da fällt mir auf, dass ich in der ganzen Aufregung, was der dunkel gekleidete Mann wohl alles mit mir anstellen wird, nicht mitbekommen habe, dass er mir Feuer anbieten wollte und realisierte sie dann schlussendlich, die Flamme, die aus dem Feuerzeug schoss. Sie brannte lichterloh. Der potenziell von den gehässigen Literaturkritikern engagierte Schläger wollte mir tatsächlich nur Feuer anbieten. Ich hebe die Zigarette Richtung Flamme, hau mir selbst meine Hand gegen die Nase, treffe die Flamme kaum, ziehe, hab‘ aber keine Puste mehr, vor Aufregung, was alles hätte passieren können. Noch einmal davon gekommen.

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TOO MUCH TOO MUCH

Ich habe Hunger, laufe ins nächstbeste Imbissding. Make it yourself: Welche Sorte Brot? (Schon wieder?) Schwein, Rind, Schaf, Tofu? Chili, Kurkuma, Madagascar-Fever oder Haussoße auf Quinoa-Basis? Salat, Gurke, Tomate oder alles zusammen? Zwiebeln? Ich spazier wieder raus, will Schokolade… dunkel, weiß, schwarz, mit Johannisbeeren oder Banane? Dann eben nicht. Ich entscheide, nichts zu essen.
Auf dem Weg nach Hause sehe ich ein Plakat mit der Aufschrift „Du hast die Wahl“. Wenn heutzutage etwas nicht ok ist, dann ist es nicht selbst entscheiden zu dürfen. Das ist gut. Nicht gut ist die damit verbundene kapitalistische „Zeug auf den Markt werfen“-Wut.

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ENDLICH EIN TEXT ÜBER DICH

Wer will denn schon Masse sein, wenn man uns doch von klein auf eingetrichtert hat, dass ich wichtig bin, ich gesund sein muss, ich auch immer auf mich aufpassen muss, ich ohne mich nicht kann?
Du kannst hier so viel essen, wie Du willst. Oder besser: So viel essen wie Du kannst. Für einen lächerlichen Fixbetrag kriegst Du ein herrliches Thai-Buffet geboten, All you can eat. Massentierhaltung und Industriegemüse nie ohne Silbertablett. Kotzen kannst Du auf unseren unzähligen Sanitäranlagen, die natürlich im Preis enthalten sind. Danach kannst Du zur Entspannung von unserem vielseitigen Entspannungsangebot profitieren. Für einen kleinen, kaum ins Gewicht fallenden Extrabeitrag, zaubern Dir unsere extra aus dem Orient eingeflogenen Super-Guru-Massage-Yoga-Experten die beste Entspannung auf Deinen gesamten Körper.

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DIE VÖLLIGE ANGST(FREIHEIT) 2/2

Du kannst endlich wieder die Lexika, die deine Eltern dir für viel Geld erworben haben, vom Speicher holen und auf echtem Papier nach dir unbekannten Begriffen suchen. Dein Stalker kann nicht mehr nachprüfen, ob du online bist. Deine Nachbarin hat kein größeres Auto als du, denn ihr habt beide keins mehr. Die Leute gehen wieder raus, treffen sich, schauen sich in die Augen und auf Konzerten musst du keine Angst mehr haben, nichts zu sehen, da niemand sein blödes Handy in die Luft hält. Die Lösung für ein besseres Leben?

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DIE VÖLLIGE ANGST (FREIHEIT)

Als die Flüchtlingsdebatte so richtig am Brennen war, fiel auf, dass nicht selten die Menschen am meisten Angst vor „denen da draußen“ hatten, die selbst einen Migrationshintergrund hatten. Von irgendwo also weggingen, um woanders mehr vom Kuchen haben zu dürfen. Sie hatten Angst, dass ihnen etwas weggenommen wird, für das sie ihr Leben lang gekämpft haben. Einen Kampf, den sie andere ungern führen sehen wollen. Sie wurden paranoid vor lauter Sorge, dass „die Neuen, die auch was vom Kuchen haben wollen“ zu viel vom Kuchen für sich beanspruchen wollen. Die Angst, dass es nicht mehr so komfortabel weitergehen wird, wie er oder sie es gewohnt war, nachdem sie oder er den Kampf gewonnen haben. Das macht Mensch unfrei und schlussendlich dumm und gewalttätig. Oder warum fürchten sich alle vor Greta?

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ENDLICH EIN TEXT ÜBER DAS WETTER

Erneut die Frage: Was habe ich nur falsch gemacht? Und ist es eine gute Idee übers Wetter, über die Jahreszeit, zu schreiben? Schließlich wissen wir alle, dass, wenn das Thema Wetter aufkommt, es eigentlich nichts mehr zu sagen, oder schreiben gibt. Nur schlimmer: Die Abende, wo sich auf einmal Witze erzählt werden. Es kann nur noch bergab gehen. Doch es beschäftigt uns Menschen. Das Wetter, ständig bestimmt es unser Leben, unsere Laune, unsere Mobilität. Es ist die Zeit der „Ganz schön kalt wieder, gestern waren es doch noch…“, „Was? Schon dunkel“ oder „Ich zieh hier weg“ Sätze. Und doch zieht keiner weg. Denn gutes Geld wird nicht dort gemacht, wo es schönes Wetter gibt. Und gutes Geld kommt meistens vor gutem Wetter. Wäre das nicht so, hätten wir höchstwahrscheinlich kein globales Klimaproblem.

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ZWISCHENBILANZ

Ein anderer Schriftsteller fragte mich heute, es war Tag der offenen Tür in diesen Kreativräumen in Differdingen, ob ich es nicht auch krass finde, dass wir uns an 2000 erinnern können. „Was meinst Du?“, fragte ich. „Du bist doch über 30, und 2000 ist fast 20 Jahre her… Hast du Erinnerungen aus diesem Jahr?“, fragte und antwortete er. „Ja“, habe ich tatsächlich, „ich erinnere mich an die Angst, dass alle dachten, dass alles zusammenbrechen wird, die Computer, was auch immer das eigentlich heißt, die Krankenhäuser, so Systeme und so, ja“.

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DIE REDUKTION

Ich hörte, wie das durch Luft gepolsterte Bett das richtige Maß zwischen Fülle und Gemütlichkeit zu erreichen versuchte. Surrr. Surrr. Pffff. Pfff. Wie Atem, beständig, Rhythmus, Durchhaltevermögen. Mein Gegenüber hatte keins mehr. War das jetzt Frieden? War das die Suche nach Frieden? Draußen war es bereits dunkel, auch Nacht genannt. Ich schaute durch das große Fenster und lernte jedes Lichtlein persönlich kennen. Ich fragte mich, wie lange ich hier sitzen werde. Neben der Suche nach Frieden. Werden die Lichtlein ewig brennen? Nicht mehr als weitere sechs Stunden, wie sich herausstellen sollte. Irgendeine Tür knallt. Ich schaue nach, es war nicht der Tod. Glück gehabt. Dieser kündigt sich auch selten an, ist selten laut, aber er ist. Und Du erkennst ihn, wenn es so weit ist. 

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DER GUTE MENSCH 3/3

Diese konsumwahnsinnigen Eltern mit ihren konsumwahnsinnigen Kindern stellen sich also auf die Straße und sollen hüpfen, so lautete die Ansage von der Bühne, wenn sie auch gegen Geld sind. S. war sichtlich erschüttert. Es wurde gehüpft. Gegen Kapitalismus, für mehr Meer und weniger Müll. Wer nicht hüpfte, ist ein Arschloch. So von oben herab protestieren, bevor sich wieder alle zurück in ihre Eigentumswohnung in den vierten Stock, Sonnenseite, verkriechen. S. fand das… naja… irgendwie… Und sich freuen, dass sie die Besseren sind, mit ihren Bio-Baumwollpullis und Bio-Äpfeln.

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DER GUTE MENSCH 2/3

Der Ton wird rauer. Das unausgesprochene Projekt Frieden scheint immer mehr in den Hintergrund zu rücken. Immer mehr im Vordergrund: Projekt Selbsterhaltung. Mensch ahnt, unbewusst oder nicht, dass alles, so, wie es derzeit ist, nicht wirklich lange noch funktionieren kann. Die Aggression steigt. Der Konsumwahn, die vielen Möglichkeiten, da kommt er sich selbst nicht mehr hinterher. Und auf der Suche nach dem Schuldigen wird der Fehler selten bei einem selbst erforscht und erst recht nicht gefunden.

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DER GUTE MENSCH 1/3

Kontext, Interpretation, ja, das spielt immer eine Rolle. Feuchtgebiete-Expertin Charlotte R. hat auf Instagram dazu aufgefordert, die Regale in den jeweiligen Supermärkten umzuräumen, sodass „der böse Smoothie-Hersteller“ von „den guten Smoothie-Herstellern“ verdeckt wird. Prompt folgten Instagram-Posts von irgendwelchen Leuten, die stolz filmen, wie sie Gutes tun. Eben die Regale umräumen. Und feiern sich gegenseitig, wie sie Sexismus bekämpft haben (gegebenenfalls nur ihre eigene Langeweile).

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WAS HABEN WIR GEMEINSAM?

Kurzer Blick auf die (auch nicht mehr so) neue Kennenlernkultur. Sie heißt App, Tinder, Bumble oder so ähnlich. Optimiertes Kennenlernen, sozusagen. Du sagst ihr, der App, was du am liebsten liest, Krimi oder Sachbuch? Was du am liebsten isst, vegan oder vollwert? Was du am liebsten trinkst, Smoothie oder Espresso? Was du arbeitest, Krankenpflegerin oder bildender Künstler? Und sie sagt dir, wen du in Zukunft lieben könntest. Ihr lest das gleiche Buch, ihr müsst euch lieben. In der realen Welt.

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BRENNENDE LUNGE

ICH natürlich nicht. ICH habe nichts mit eurer Dummheit zu tun. ICH habe hier noch eine weitere TRUE QUOTE für meine Instagram Story, die gerade ins Netz hochlädt, die euch ganz klar zeigt, wer am Untergang der Welt schuld ist. Nochmal: Das seid ihr. Nochmal: Ich nicht. Behaupte ich jetzt mal so, währenddessen ich hier halbnackig am Strand liege und meinem Bauch die optimale Bräune verpasse. Dazu mehr in der nächsten Story.

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HITZE

Ich frage nach der Rechnung, zahle zwanzig Euro. Davon sind zwei Euro Trinkgeld, etwas mehr als zehn Prozent. Ich kenne Leute, die nie Trinkgeld geben. Die gleichen Menschen, die zu viert für vier hundert Euro essen gehen, einzeln zu zahlen wünschen, die Rechnung genauestens auf Fehler überprüfen und debattieren, ob es fair ist, die Rechnung durch vier zu teilen, weil eine Person am Tisch ein Sprudelwasser mehr als die anderen hatte. Aber danach verkünden sie auf Instagram und Facebook, was für einen tollen Abend sie zusammen verbringen durften, Freunde sind doch das wichtigste. #nightoutwithfriends.

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VINCENT IST HOMOSEXUELL

Vincent kriegt kein‘ hoch, wenn er an Mädchen denkt, heißt es gleich zu Beginn der Single-Auskopplung. Was das wohl bedeuten soll? Sehr geehrte Damen und Herren, Vincent ist homosexuell, schwul, nicht heterosexuell, steht also nicht auf Frauen. Es ist die Geschichte eines Sohnes, der sein Coming-Out wagt, die Mutter völliges Verständnis dafür zeigt und ihren Sohn mit Liebe überschüttet, unabhängig seiner sexuellen Orientierung. Ein schöner Popsong auf der richtigen Seite der Menschlichkeit, wenn man so will.