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PLAY AND SHARE 1/2

Wer die letzten Tage und Wochen nicht komplett im Offline gelebt hat, weiß jetzt ganz genau, was sein guter Freund Ingo für Musik hört. Wer zudem Spotify-Abonnentin ist, weiß jetzt auch, was 2017 (und 2016, 2018,…) in Heavy Rotation lief. Bilderbuch? Coldplay? Oder doch die Beatles? Spotify bietet freundlicherweise an, seinen Hörgenuss mit all seinen Freunden, Followerinnen und Bekannten zu teilen. Ingo hört super gerne Rihanna, und auch diese Ariane findet er ganz super. Und Ingos Freundin Lisa hört ganz gerne David Guetta und Justin Bieber, welcher ihr Lieblingskünstler 2016 war. Jetzt wird fleißig geteilt, schließlich teilen Ingo und Lisa und Anne-Marie und Finn, und wie sie und wir alle heißen, alles. Das muss Argument genug sein. Nur warum? Ja, die Frage muss doch mal erlaubt sein. Warum wird geteilt?

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ALLES SCHWARZ

Wie „so ein schlechter Ohrwurm“, wie die „Deckkäpp“ oder andere „So Sachen“, die viel zu laut sind, völlig nutzlos, nicht witzig, nicht erhellend (ich sage jetzt nicht, dass alles immer erhellend sein muss, zum Beispiel finde ich Miley Cyrus „richtig cool“) und zu allem Übel, immer viel zu viele Menschen anziehen. Klar kannst du vier wichtige Denker ins neimënster einladen, die Ideen zu einer besseren Welt diskutieren. Mit Glück verirren sich zwanzig Menschen dorthin. Außer natürlich du heißt Richard David Precht, der Black Friday unter den Denkern. Na gut, ein andermal, pardon. Da strömen sie vor sich hin, diese von Gier getriebenen Massen. Stopfen die Tüten voll mit Geizgeilheit-Schnickschnack, bevor sie später zu Fridays for Future eilen. Natürlich kommt die Tradition, wie alle anderen geilen Traditionen auch, aus den Vereinigten Staaten: Thanksgiving, Halloween und eben Black Friday, tatsächlich ein reiner „Wirtschaftstag“. Wikipedia erklärt, und sie hat immer recht, dass die Amis den Tag nutzen, da Brückentag, da zwischen Thanksgiving und Wochenende, um die ersten Weihnachtseinkäufe zu erledigen.

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VORSICHT, VORSICHT!

Er spricht mit mir. „Ouah feuinh“, höre ich. Ich glaube, das ist Französisch. Eine Sprache, die mir nicht leicht fällt. „Will er mich überfallen?“, denke ich. „Will er mich zusammenschlagen?“, denke ich. „Jetzt machen sie es wahr, diese gehässigen luxemburgischen Literaturkritiker. Sie haben einen Schläger organisiert, um die Scheiß-Literatur aus mir herauszuprügeln. Hoffentlich finden meine Freunde, Freundin oder die Polizei die eine Schublade mit meinen zahllosen (es sind wirklich viele) unveröffentlichten Manuskripten, die dann post mortem veröffentlicht werden. Und dann werde ich ein gefeierter toter Schriftsteller, wenn sie denn gefunden werden…“, denke ich. „Du feu?“, der andere dunkel gekleidete Mann, oh Französisch, wirklich, „ah oui, j’ai, oui, quelque part, je cherche, un moment, mon pantalon, je trouve pas euhhh (weil ,euhhh‘ klingt sehr Französisch, das habe ich in Paris gelernt)“, versuche ich die Worte dieser unmöglich souverän zu meisternden Sprache zu finden. „Mais non, j’ai du feu, regardez“, sagt er, und da fällt mir auf, dass ich in der ganzen Aufregung, was der dunkel gekleidete Mann wohl alles mit mir anstellen wird, nicht mitbekommen habe, dass er mir Feuer anbieten wollte und realisierte sie dann schlussendlich, die Flamme, die aus dem Feuerzeug schoss. Sie brannte lichterloh. Der potenziell von den gehässigen Literaturkritikern engagierte Schläger wollte mir tatsächlich nur Feuer anbieten. Ich hebe die Zigarette Richtung Flamme, hau mir selbst meine Hand gegen die Nase, treffe die Flamme kaum, ziehe, hab‘ aber keine Puste mehr, vor Aufregung, was alles hätte passieren können. Noch einmal davon gekommen.

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TOO MUCH TOO MUCH

Ich habe Hunger, laufe ins nächstbeste Imbissding. Make it yourself: Welche Sorte Brot? (Schon wieder?) Schwein, Rind, Schaf, Tofu? Chili, Kurkuma, Madagascar-Fever oder Haussoße auf Quinoa-Basis? Salat, Gurke, Tomate oder alles zusammen? Zwiebeln? Ich spazier wieder raus, will Schokolade… dunkel, weiß, schwarz, mit Johannisbeeren oder Banane? Dann eben nicht. Ich entscheide, nichts zu essen.
Auf dem Weg nach Hause sehe ich ein Plakat mit der Aufschrift „Du hast die Wahl“. Wenn heutzutage etwas nicht ok ist, dann ist es nicht selbst entscheiden zu dürfen. Das ist gut. Nicht gut ist die damit verbundene kapitalistische „Zeug auf den Markt werfen“-Wut.

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ENDLICH EIN TEXT ÜBER DICH

Wer will denn schon Masse sein, wenn man uns doch von klein auf eingetrichtert hat, dass ich wichtig bin, ich gesund sein muss, ich auch immer auf mich aufpassen muss, ich ohne mich nicht kann?
Du kannst hier so viel essen, wie Du willst. Oder besser: So viel essen wie Du kannst. Für einen lächerlichen Fixbetrag kriegst Du ein herrliches Thai-Buffet geboten, All you can eat. Massentierhaltung und Industriegemüse nie ohne Silbertablett. Kotzen kannst Du auf unseren unzähligen Sanitäranlagen, die natürlich im Preis enthalten sind. Danach kannst Du zur Entspannung von unserem vielseitigen Entspannungsangebot profitieren. Für einen kleinen, kaum ins Gewicht fallenden Extrabeitrag, zaubern Dir unsere extra aus dem Orient eingeflogenen Super-Guru-Massage-Yoga-Experten die beste Entspannung auf Deinen gesamten Körper.

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DIE VÖLLIGE ANGST(FREIHEIT) 2/2

Du kannst endlich wieder die Lexika, die deine Eltern dir für viel Geld erworben haben, vom Speicher holen und auf echtem Papier nach dir unbekannten Begriffen suchen. Dein Stalker kann nicht mehr nachprüfen, ob du online bist. Deine Nachbarin hat kein größeres Auto als du, denn ihr habt beide keins mehr. Die Leute gehen wieder raus, treffen sich, schauen sich in die Augen und auf Konzerten musst du keine Angst mehr haben, nichts zu sehen, da niemand sein blödes Handy in die Luft hält. Die Lösung für ein besseres Leben?

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DIE VÖLLIGE ANGST (FREIHEIT)

Als die Flüchtlingsdebatte so richtig am Brennen war, fiel auf, dass nicht selten die Menschen am meisten Angst vor „denen da draußen“ hatten, die selbst einen Migrationshintergrund hatten. Von irgendwo also weggingen, um woanders mehr vom Kuchen haben zu dürfen. Sie hatten Angst, dass ihnen etwas weggenommen wird, für das sie ihr Leben lang gekämpft haben. Einen Kampf, den sie andere ungern führen sehen wollen. Sie wurden paranoid vor lauter Sorge, dass „die Neuen, die auch was vom Kuchen haben wollen“ zu viel vom Kuchen für sich beanspruchen wollen. Die Angst, dass es nicht mehr so komfortabel weitergehen wird, wie er oder sie es gewohnt war, nachdem sie oder er den Kampf gewonnen haben. Das macht Mensch unfrei und schlussendlich dumm und gewalttätig. Oder warum fürchten sich alle vor Greta?

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ENDLICH EIN TEXT ÜBER DAS WETTER

Erneut die Frage: Was habe ich nur falsch gemacht? Und ist es eine gute Idee übers Wetter, über die Jahreszeit, zu schreiben? Schließlich wissen wir alle, dass, wenn das Thema Wetter aufkommt, es eigentlich nichts mehr zu sagen, oder schreiben gibt. Nur schlimmer: Die Abende, wo sich auf einmal Witze erzählt werden. Es kann nur noch bergab gehen. Doch es beschäftigt uns Menschen. Das Wetter, ständig bestimmt es unser Leben, unsere Laune, unsere Mobilität. Es ist die Zeit der „Ganz schön kalt wieder, gestern waren es doch noch…“, „Was? Schon dunkel“ oder „Ich zieh hier weg“ Sätze. Und doch zieht keiner weg. Denn gutes Geld wird nicht dort gemacht, wo es schönes Wetter gibt. Und gutes Geld kommt meistens vor gutem Wetter. Wäre das nicht so, hätten wir höchstwahrscheinlich kein globales Klimaproblem.

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ZWISCHENBILANZ

Ein anderer Schriftsteller fragte mich heute, es war Tag der offenen Tür in diesen Kreativräumen in Differdingen, ob ich es nicht auch krass finde, dass wir uns an 2000 erinnern können. „Was meinst Du?“, fragte ich. „Du bist doch über 30, und 2000 ist fast 20 Jahre her… Hast du Erinnerungen aus diesem Jahr?“, fragte und antwortete er. „Ja“, habe ich tatsächlich, „ich erinnere mich an die Angst, dass alle dachten, dass alles zusammenbrechen wird, die Computer, was auch immer das eigentlich heißt, die Krankenhäuser, so Systeme und so, ja“.

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DIE REDUKTION

Ich hörte, wie das durch Luft gepolsterte Bett das richtige Maß zwischen Fülle und Gemütlichkeit zu erreichen versuchte. Surrr. Surrr. Pffff. Pfff. Wie Atem, beständig, Rhythmus, Durchhaltevermögen. Mein Gegenüber hatte keins mehr. War das jetzt Frieden? War das die Suche nach Frieden? Draußen war es bereits dunkel, auch Nacht genannt. Ich schaute durch das große Fenster und lernte jedes Lichtlein persönlich kennen. Ich fragte mich, wie lange ich hier sitzen werde. Neben der Suche nach Frieden. Werden die Lichtlein ewig brennen? Nicht mehr als weitere sechs Stunden, wie sich herausstellen sollte. Irgendeine Tür knallt. Ich schaue nach, es war nicht der Tod. Glück gehabt. Dieser kündigt sich auch selten an, ist selten laut, aber er ist. Und Du erkennst ihn, wenn es so weit ist. 

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DER GUTE MENSCH 3/3

Diese konsumwahnsinnigen Eltern mit ihren konsumwahnsinnigen Kindern stellen sich also auf die Straße und sollen hüpfen, so lautete die Ansage von der Bühne, wenn sie auch gegen Geld sind. S. war sichtlich erschüttert. Es wurde gehüpft. Gegen Kapitalismus, für mehr Meer und weniger Müll. Wer nicht hüpfte, ist ein Arschloch. So von oben herab protestieren, bevor sich wieder alle zurück in ihre Eigentumswohnung in den vierten Stock, Sonnenseite, verkriechen. S. fand das… naja… irgendwie… Und sich freuen, dass sie die Besseren sind, mit ihren Bio-Baumwollpullis und Bio-Äpfeln.

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DER GUTE MENSCH 2/3

Der Ton wird rauer. Das unausgesprochene Projekt Frieden scheint immer mehr in den Hintergrund zu rücken. Immer mehr im Vordergrund: Projekt Selbsterhaltung. Mensch ahnt, unbewusst oder nicht, dass alles, so, wie es derzeit ist, nicht wirklich lange noch funktionieren kann. Die Aggression steigt. Der Konsumwahn, die vielen Möglichkeiten, da kommt er sich selbst nicht mehr hinterher. Und auf der Suche nach dem Schuldigen wird der Fehler selten bei einem selbst erforscht und erst recht nicht gefunden.

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DER GUTE MENSCH 1/3

Kontext, Interpretation, ja, das spielt immer eine Rolle. Feuchtgebiete-Expertin Charlotte R. hat auf Instagram dazu aufgefordert, die Regale in den jeweiligen Supermärkten umzuräumen, sodass „der böse Smoothie-Hersteller“ von „den guten Smoothie-Herstellern“ verdeckt wird. Prompt folgten Instagram-Posts von irgendwelchen Leuten, die stolz filmen, wie sie Gutes tun. Eben die Regale umräumen. Und feiern sich gegenseitig, wie sie Sexismus bekämpft haben (gegebenenfalls nur ihre eigene Langeweile).

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WAS HABEN WIR GEMEINSAM?

Kurzer Blick auf die (auch nicht mehr so) neue Kennenlernkultur. Sie heißt App, Tinder, Bumble oder so ähnlich. Optimiertes Kennenlernen, sozusagen. Du sagst ihr, der App, was du am liebsten liest, Krimi oder Sachbuch? Was du am liebsten isst, vegan oder vollwert? Was du am liebsten trinkst, Smoothie oder Espresso? Was du arbeitest, Krankenpflegerin oder bildender Künstler? Und sie sagt dir, wen du in Zukunft lieben könntest. Ihr lest das gleiche Buch, ihr müsst euch lieben. In der realen Welt.

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BRENNENDE LUNGE

ICH natürlich nicht. ICH habe nichts mit eurer Dummheit zu tun. ICH habe hier noch eine weitere TRUE QUOTE für meine Instagram Story, die gerade ins Netz hochlädt, die euch ganz klar zeigt, wer am Untergang der Welt schuld ist. Nochmal: Das seid ihr. Nochmal: Ich nicht. Behaupte ich jetzt mal so, währenddessen ich hier halbnackig am Strand liege und meinem Bauch die optimale Bräune verpasse. Dazu mehr in der nächsten Story.

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HITZE

Ich frage nach der Rechnung, zahle zwanzig Euro. Davon sind zwei Euro Trinkgeld, etwas mehr als zehn Prozent. Ich kenne Leute, die nie Trinkgeld geben. Die gleichen Menschen, die zu viert für vier hundert Euro essen gehen, einzeln zu zahlen wünschen, die Rechnung genauestens auf Fehler überprüfen und debattieren, ob es fair ist, die Rechnung durch vier zu teilen, weil eine Person am Tisch ein Sprudelwasser mehr als die anderen hatte. Aber danach verkünden sie auf Instagram und Facebook, was für einen tollen Abend sie zusammen verbringen durften, Freunde sind doch das wichtigste. #nightoutwithfriends.

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VINCENT IST HOMOSEXUELL

Vincent kriegt kein‘ hoch, wenn er an Mädchen denkt, heißt es gleich zu Beginn der Single-Auskopplung. Was das wohl bedeuten soll? Sehr geehrte Damen und Herren, Vincent ist homosexuell, schwul, nicht heterosexuell, steht also nicht auf Frauen. Es ist die Geschichte eines Sohnes, der sein Coming-Out wagt, die Mutter völliges Verständnis dafür zeigt und ihren Sohn mit Liebe überschüttet, unabhängig seiner sexuellen Orientierung. Ein schöner Popsong auf der richtigen Seite der Menschlichkeit, wenn man so will.

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ESPRESSO

Beim Espresso gibt es einen gravierenden Unterschied, und das ist sein Konsument. Der Espresso-Trinker setzt sich hin oder bleibt gar stehen, wie das oft in Portugal der Fall ist, kippt das Ding runter und verschwindet wieder, weil er zur Arbeit muss, noch zu tun hat, auf der Durchreise ist. Die andere Hälfte der Espresso-Trinker und -Trinkerinnen bleibt sitzen, lässt den Espresso in Ruhe kalt werden, es ist ihm egal, wie er schmeckt. Hauptsache, er hat das günstigste Getränk im Laden bestellt. Er liest Zeitung, den neuen Roman von Haruki Murakami oder Michel Houellebecq, arbeitet, zeichnet oder schaut einfach so vor sich hin.

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GAME OVER

WE WANT MORE, schreit die Meute, und ich frage mich, von was sie eigentlich mehr will? Mehr vom überteuerten Toast? Ein weiteres mies gezapftes Bier? Oder Sex? Wollt Ihr mehr Sex? Jaaaaaaa! Ach, fickt euch, am Ende müsst Ihr da alleine durch. Ihr wisst doch, dass die Zugabe mit eingeplant ist, Idioten. Jetzt stellt sich natürlich die Frage nach dem lyrischen Ich, äh Wir, lyrisches Wir, mir krabbelt das grüne Tier den Hals hoch, ich will jedenfalls nicht mehr. Ich puste, treffe das blöde Tier nicht, es krabbelt weiter, wir werden Freunde. Und Ihr so, äh, was krabbelt euch hoch? Bestenfalls nicht die Galle, höhöhö.

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ZUSTAND:F****N

Interessant ist vor allem, dass die gleichen Leute, die ihre ganze Politik und ihr ganzes Leben auf Ausländerhass und Ausgrenzung aufbauen, Hate-Kommentare liken, die Menschen böses wünschen, plötzlich die sind, die den Rechtsstaat auf ihrer Seite sehen wollen, denselben, den sie sonst allerhöchstens herablassend belächeln., weil lëtzebuergescher (!!!) Rap sie kritisiert, die Lëtzebuergesch Sprooch sie ordentlich gefickt hat … herrlich, die Ironie und die immer wiederkehrende Erkenntnis, dass nichts im Leben geschenkt ist, am allerwenigsten die Intelligenz und noch weniger ein guter Fick.

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GAME OF ANSTRENGENDE FANS

Was sollen unsere Nachfahren, unsere Kinder, über uns denken? Wir, die Würdelosen, die Idioten-Generation, die nicht mitbekam, dass der Erdball abbrannte, die Generation, die für jede Wahl ihre Bürger anbetteln muss, um von ihrem Demokratierecht Gebrauch zu machen, aber jederzeit mehr als eine Million Menschen im Internet mobilisierte, um Petitionen zu gründen und zu unterschreiben: Für freundlichere und fangerechtere Enden ihrer Lieblingsserien.… Das kannst Du Dir nicht ausdenken…. *blau angelaufener Smiley mit groß aufgerissenen Augen*.

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NUR DA SEIN

In der Lobby des entsprechenden Gebäudes angekommen, läuft er, wie auf Auto-Pilot eingestellt, zuerst zum dort zur Verfügung gestellten Desinfektionsstand, desinfiziert sich die Hände, vergisst die Zwischenräume der Finger nicht, geht zum Aufzug, geht hinein, drückt Nummer 2 und steigt im zweiten Stockwerk wieder aus, wo er sich gleich nochmal die Hände desinfiziert, da er doch die Aufzugknöpfe berührt hat. M. kennt den Weg zur zuständigen Station für seine geliebte W., er weiß immer genau wohin, nur ab und zu wechseln die Zimmer. Routine ist derweil die einzige Sicherheit. Ab heute ist es die Nummer 227, ein Spezialzimmer, wo W. für zwei Wochen untergebracht ist. Hier wird sie vor der Außenwelt geschützt. Jede Bakterie, jedes in der Luft schwebende Ding, weswegen W. auch die Fenster ihres Zimmers nicht öffnen darf, könnte für W. lebensbedrohlich sein, ihr Immunsystem ist sehr schwach. Ihr würde es sowieso an der nötigen Kraft fehlen, das Fenster zu öffnen.

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EUROPA

Natürlich ist es bequem zu sagen; dass wählen eh nichts hilft, weil die da oben alle korrupt sind, alle von Tuten und Blasen keine Ahnung haben, die Parlamentarier in Brüssel immer nur kurz ihre Unterschrift lassen, um 300 Euro zu kassieren und sich dann im Stadtzentrum einen Bunten machen, die wirklichen Probleme eh nicht gelöst werden, ja, alles das, was Du sagst, weil Du keinen Bock hast, Dich damit zu beschäftigen, weil Du sagst, dass Du genug Probleme hast; Dein Freund nervt, Deine Vermieterin nervt, Dein Hund Durchfall hat, Dein Nachbar hässlich ist, Du einfach zu viel gesoffen hast und nicht zur Wahl gegangen bist, ja, das kannst Du sagen, das kannst Du alles machen, aber dann wundere Dich nicht, wenn die Faschisten Europa wieder belagern, wenn Minderheiten ausgerottet werden, wenn Du am Flughafen über zwei Stunden warten musst, weil die Pässe innerhalb Europas kontrolliert werden, dann halt bitte auch den Mund, dann sind nämlich nicht die da oben Schuld, sondern einfach nur Du, Du nicht wählender dummer Mensch.

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POP UP

Immer ein wenig arrogant, denn arrogant wirkt wichtig, weil arrogant ist sexy, das hat Dir der Barista, aus dem kultigen Kaffeeladen, bei Dir um die Ecke, ins Ohr geflüstert. Auch er tut nur so, schließlich ist er Schauspieler, „eigentlich hab ich ja Schauspiel studiert“, sagt er, „aber die da draußen erkennen mein Genie einfach nicht, meine Zeit kommt schon noch“, sagt er auch, die ganz große Zeit.

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ZU VIELE INFORMATIONEN

Wir wissen erstaunlich viel, und genau das ist das Problem, wir haben die Wahl, jeden Tag, entscheiden nichts, schauen zu, laufen zur Arbeit, laufen nach Hause, zahlen, verdauen, duschen, schlafen, essen, machen Sport, zahlen, holen uns den Schein für die Weiterbildung ab, hüpfen zu lauter Rockmusik, gehen ins Theater, konnten uns identifizieren, lesen die Nachrichten, können es nicht fassen, grausam, Tote, jeden Tag, nur ich, nur wir, leben wir noch?

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DU HAST KEINE WAHL

Familie ist wichtig, das wird oft gesagt und mag stimmen. Familie ist anstrengend, das mag auch stimmen. Familie ist alles, das mag gelegentlich stimmen, hoffentlich oft. Familie kann vieles sein. Familie kann mehr sein, als Du Dir je gewünscht hast, hättest Du Dir denn, kurz vor Tombolaziehung, was wünschen dürfen. Manchmal ist Familie viel zu wenig und man wünscht sich jeden Tag mehr, mehr Aufmerksamkeit, mehr Liebe, aber Du weißt, es ist nun, wie es ist, das ist eben Familie. Die Tombola ist unwiderruflich.

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DAS IST GELD

Apropos Geld. Georges Clooney, Nespresso-Ehrenmann, Klimaschützer und Sexiest Man Alive (1997) hat auch von dieser Sache mit Brunei gehört und fordert zum Boykott aller Hotels, die durch den Sultan finanziert werden, auf. Hotels in Los Angeles, Beverly Hills, London, Ascot, Mailand, Rom und Paris. Selbst Lena Meyer-Landrut kann die Menschenrechtsverletzungen nicht mehr hinnehmen und sieht sich nun gezwungen, andere Fünf-Sterne-Hotels buchen zu müssen. Geile PR-Aktion, Ihr seid voll die guten Menschen. Voll süß, der Aufstand der Reichen.

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OH LOVE

2019. Du bist wohl erfolgreicher als je zuvor. Ich bin, naja, ich bin halt immer noch… da. 2019. Dein Jahr. Es ist viel passiert in den letzten Jahren, wie man es auf Instagram verfolgen konnte. Mal hast du einen Bikini an und postest es auf Instagram. Dann hast du deinen Bikini wieder aus und postest es auf Instagram. Nicht zu vergessen sind auch deine unverwechselbaren saugut bezahlten Partnerschaften mit großen Kosmetikunternehmen: Ey Leute, dieser Lippenstift ist so krass rot, seht ihr? Wie krass rot der ist? Ihr müsst den unbedingt kaufen. Mega rot.

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WORKSHOP / WORDEXPLOSION

Im Rahmen des SNJ-Empowerment-Programms haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer meines Schreibworkshops über Monate hinweg ihre Gedanken, Ideen, Sehnsüchte, Hoffnungen und Ängste niedergeschrieben. Die Meisten unter ihnen wollen anonym bleiben, beziehungsweise ihre Texte nicht (oder nur zum Teil ) veröffentlichen. Um dennoch einen kleinen Einblick in unsere Arbeit zu ermöglichen, habe ich Ausschnitte, Sätze und kleine Geschichten von den jeweiligen TeilnehmerInnen als Audiodatei über -, unter -, nebeneinander gelegt, auf deutsch, französisch, englisch und luxemburgisch.