Hier bin ich. Siehst du mich? Hörst du mich?

Ich bin hier. Genau. Hier liege ich also. Hier im Bett. Hier auf der Matratze. Hier auf dem, über die Matratze, gespannten Stück Stoff, das nichts mehr ist, als … Nun gut. Mehr als ein Stück Stoff ist es nicht. 

Und da das ganze Zeug sich in einem Zimmer befindet und ich nicht nur, wie gerade in diesem Moment, drauf liege, sondern jeden Tag auch drauf schlafe, wird es halt Bett genannt.

Dieses Zimmer, mit diesem Bett, ist mein Zimmer. In einem Haus in Differdingen, was meine Eltern, vor vielen Jahren, gekauft haben. Das ist schon eine Weile her. Meine Eltern sind nämlich nicht mehr so superjung. Nicht 25. Nicht 30. Und sicher keine 15.

„Aber nicht so alt“, wie man sagen würde, würden sie jetzt sterben.

„Sie waren nicht einmal so alt“, würden die Leute dann sagen.

„Was für ein ungerechtes Leben“, würden die Leute sagen.

Ich bin jetzt 35 Jahre alt.

„Wie schade, so ein junger Kerl“, würden die Leute sagen, wenn ich jetzt sterben würde. Ich lebe aber. Folglich sagen die Leute, dass ich auch nicht mehr der Jüngste bin und es langsam mal Zeit wird etwas aus mir, und meinem Leben, zu machen. Etwas Richtiges, wie die Leute so sagen. Kein Wunder, dass ich manchmal denke, dass es besser wäre, tot zu sein.

Ich liebte noch nie jemanden so doll wie meine Eltern. Sie sind die Besitzer von diesem Haus, das irgendwann mein Haus sein wird. Ich bin Einzelkind. Einer der Vorteile als Einzelkind ist, dass alles, was die Eltern besitzen, irgendwann das Einzelkind besitzen wird.

Es ist 06:47 Uhr. Ziemlich früh am Morgen also und es wird Zeit aus dem Bett zu steigen, zu duschen, noch einen Kaffee zu trinken und mich dann auf den Weg zu machen. Es ist keine besonders gute Idee, bereits am ersten Tag, zu spät zu kommen. Heute ist mein erster Tag im Einsatz, live vor Ort, sozusagen.

Vor ein paar Minuten hat mich der, wie immer schlecht gelaunte, Sekretär angerufen, um mir mitzuteilen, dass ich nach Niederkorn muss. In eine C1-Klasse. Alles, nur nicht C1, dachte ich. Die kleinen Arschlöcher können einen um den Verstand bringen. Doch ich brauche das Geld. Ich brauche es schnell.

Eigentlich bin ich Regisseur. Ein Regisseur, der seine eigenen Drehbücher schreibt. Ich durfte bisher noch keinen richtigen Film drehen. In anderen Worten: Ich wurde den Qualitätskriterien vom Filmfund Luxemburg bis dato noch nicht gerecht. Oder noch anders ausgedrückt: Ich bin nicht so ein Schleimscheißer. Einer von diesen vielen luxemburgischen Regisseuren und Künstlern, die keinen Moment auslassen den Verantwortlichen beim Kulturministerium und in den diversen Verwaltungsräten so lange in den Arsch zu kriechen, bis irgendwas dabei raus kommt. Das ist nicht mein Stil. Ich will nicht einer von diesen systemtreuen Subventionssklaven-Künstler werden. 

Nein, ich muss mich dem Staat und seinen anpassungsgeilen Sklaven nicht beugen. Als Künstler muss nicht der Staat an dir Gefallen finden. Du musst an dir selbst Gefallen finden. Und bestenfalls beeindruckst du dabei ein paar andere Menschen und mit viel Glück wird man so, sehr erfolgreich. Ihr habt richtig gehört. Glück gehört dazu. Wie lässt es sich anders erklären, dass ein Tarantino, der alle seine Filme aus anderen Filmen zusammengeklaut hat, so viel Erfolg hat? Er ist der bekannteste Dieb der Welt und wird dafür nicht einmal eingesperrt.

Glücklicherweise muss ich meinen Eltern keine Miete zahlen. Das muss ich nicht, weil sie mich lieben. Weil ich ihr Sohn bin. Natürlich ist das nicht wahnsinnig sexy, wenn ich andere Mädchen kennenlerne. Dann muss ich die Mädchen immer enttäuschen und klar machen, dass ich sie leider nicht mit nach Hause nehmen kann.

„Warum?“, fragen die Mädchen

„Hast du eine Frau?“, fragen die Mädchen auch.

„Nein, Nein“, sage ich.

Ich nehme die Mädchen erst mit nach Hause, wenn ich sicher bin, dass sie bleiben wollen. Das war in meinem bisherigen Leben noch nie der Fall. Ich kann das meinen Eltern nicht antun. Ihnen immer wieder erklären, dass auch die Letzte wieder einmal entschieden hätte, sich nicht für mich zu entscheiden. Ich selbst würde nie Schluss machen. Viel zu anstrengend.

Ich sehe das nicht so eng. Es kommt, was kommt. Ich kann immer noch sagen, dass ich Künstler bin. Ich mache Kunst. Das ist wichtiger, als irgendeine Frau glücklich zu machen.

Kunst ist keine Arbeit. Kunst ist eine Droge. Sie wird in dem Moment zur Droge, wo sie sich für dich entscheidet. Anders als die Mädchen lässt sie dich dann auch nicht mehr los.

Bei den sogenannten RICHTIGEN DROGEN bist du es, der sich zuerst für die Droge entscheiden muss, bevor du sie dann nicht mehr loslässt. Da musst du schon richtig viel nicht wollen, um dich von der Abhängigkeit, die nichts weiter als die Konsequenz deiner Entscheidung war, zu befreien. Auch die Droge selbst sagt nie von sich aus, dass sie nun gehen will. Die Droge lässt dich nicht mehr los. Natürlich kannst du dich auch von einem Mädchen abhängig machen, aber wenn sie nicht mehr will, dann ist die Abhängigkeit dein alleiniges Problem und du musst das Mädchen ziehen lassen.

Kunst ist eine heftige Droge. Sie lässt mich nicht gehen und ich will auch überhaupt nicht gehen. Schon alleine aus dem Grund, weil sich einmal in meinem Leben etwas für mich entschieden hat. Ich bin ein treuer Hund. Ich finde das gut, dass wir uns alle beide voneinander abhängig machen. Die Kunst und ich.

Zugegeben, ich bin ab und zu auch einsam. Das ist so. Mit den Drogen. Und reich wird man auch nicht. Jede Droge hat ihren Preis.

Habe ich mich bereits vorgestellt? Ich bin Jee Kaggerarti. Freut mich.

ERKLÄRUNGEN ZUM TEXTBLOG LUXEMBURGISCHE TEXTFASSUNG